Schicht im Schacht

Ende 2018 schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Dann ist Schluss mit der Kohleförderung in einer Region, in der Fußball und Bergbau über Jahrzehnte eng miteinander verbunden waren. Eine Sonderausstellung im Deutschen Fußballmuseum befasst sich ab März mit dem finalen Schichtwechsel.

In der Tiefe des Raumes wird es gefährlich, denn ganz vorne geht es hart zur Sache. Zum Schutz vor Verletzungen ist das Tragen von Schienbeinschonern unabdingbar. Hier gilt es zusammenzustehen, einer muss sich auf den anderen verlassen können. Nur gemeinsam kann die Gruppe zum Erfolg kommen, sonst wäre ganz schnell Schicht im Schacht. Kaum zu glauben, welch langen Wege zu gehen sind. Dabei bietet sich nur wenig Platz. Es ist eng und manchmal gibt es einfach kein Durchkommen. Der Schweiß rinnt aus allen Poren, die Kleidung ist durchgeschwitzt. Hier unten, in 1000 Metern Tiefe, geht es zu wie auf einem Fußballplatz. Zwischen der knochenharten Arbeit unter Tage und einem kampfbetonten Fußballspiel lassen sich aber nicht nur begriffliche Parallelen ziehen.

Bis in die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts kamen sogenannte „Ortskameradschaften“ an der Kohlenfront zum Einsatz. Eine Einheit von vier bis acht Bergleuten, die im Akkord schufteten, um den maximalen Ertrag an Kohle zu erzielen. Auch oder vor allem für die Lohntüte. Dafür musste alles Hand in Hand gehen, gegenseitige Unterstützung gewährleistet sein. Nachlässigkeiten bedeuteten auch Gefahr für Leib und Leben. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das Bestehen als Gruppe, prägt. Über die Schicht hinaus.

Einige der besten Ruhrgebietsfußballer wie Ernst Kuzzorra, Helmut Rahn oder Timo Konietzka sind in dieser Hinsicht nicht nur in ihren Vereinen, sondern auch unter Tage für die Herausforderungen ihres Sports ausgebildet worden. Sie haben Werte wie Teamgeist, Einsatzbereitschaft und Härte gegen sich selbst über ihre Herkunft aus einer Bergarbeiterfamilie vermittelt bekommen und mussten sie nicht erst im Training einüben. Die großen Erfolge von Schalke 04 sind eng verbunden mit der Mannschaft, deren Spieler nur „Die Knappen“ genannt wurden. „Knappe“ ist eine frühere Bezeichnung für jemanden, der die Lehre als Bergmann erfolgreich abgeschlossen hat. Auch Hans Bornemann, der einzige Abiturient und spätere Bankkaufmann in dem Team, das zwischen 1934 und 1942 sechs Deutsche Meisterschaften für Schalke erringen konnte, war ein echter „Knappe“. Wenn man so will, agierte die so erfolgreiche Mannschaft im Geiste einer Ortskameradschaft.

Die Bergwerke waren somit eine Schule des Lebens und über den Sozialisationsfaktor hinaus große Förderer des Fußballs. Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die Oberliga West zu den stärksten Spielklassen in Deutschland. Mit der Unterstützung großer Zechen und Stahlwerke sorgten heute in den Niederungen des Amateurfußballs abgetauchte Vereine wie der SV Sodingen oder die Spielvereinigung Erkenschwick für Furore. Ihre Stadien waren auf Zechengelände angesiedelt, beinahe alle Spieler gingen dort auch ihrem zivilen Beruf nach, die Werksleiter hatten zugleich Führungspositionen in den Clubs inne. Auch daraus resultierte eine besondere Identifikation der Zuschauer mit den Spielern. Und umgekehrt.

Darüber hinaus fungierte der Bergbau im Zusammenspiel mit dem Fußball als Migrations- und Integrationsmotor. Mesut Özils Großväter kamen beide als türkische Zechenarbeiter Anfang der 1960er-Jahre nach Deutschland. 50 Jahre später wurde der heutige Star von Arsenal London erster türkischstämmiger Nationalspieler, der an einer WM-Endrunde für Deutschland  teilnahm.

Das Deutsche Fußballmuseum beleuchtet ab dem 21. März diese vielschichtige Symbiose des Fußballs und des Bergbaus mit einer Sonderausstellung. Unter dem Motto „Schichtwechsel – FußballLebenRuhrgebiet“ begeben bzw. – um im Bild zu bleiben – graben sich die Besucher zunächst durch elf Stationen der Dauerausstellung. Die markanten Spuren des Fußballs unter Fördertürmen münden im Sonderausstellungsbereich in einer Begegnung mit der Zukunft. Denn wenn 2018 mit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop die Jahrhunderte währende Kohleförderung im Ruhrgebiet ihr Ende findet, bedeutet das unweigerlich eine Zäsur in Verbindung mit den Fragen: Was kommt jetzt? Wie geht es weiter? Der Strukturwandel hat längst auf breiter Front stattgefunden. Die Region hat sich zu einem Dienstleistungssektor und zu einem Standort für Bildung und Kultur entwickelt. Auf ehemaligen Berg- und Stahlwerken blühen Landschaftsparkanlagen, Industriebrachen sind zu Kulturbetrieben umgestaltet worden. Insofern stellt sich vor allem auch die Frage: Was bleibt? Die Besucher werden dazu eingeladen, ihre eigene Botschaft für die Zukunft zu hinterlassen bzw. ihre Vergangenheit in Visionen zu übertragen. Die Interaktion lässt ein mosaikartiges Relief des Ruhrgebiets entstehen.

Fest steht, dass der Ruhrgebietsfußballer mit seiner besonderen Mentalität und Identität so schnell nicht aussterben wird: Der VfL Bochum nennt sein Nachwuchsleistungszentrum „Talentwerk“ und beim FC Schalke 04 werden die sportlichen Hoffnungsträger der Zukunft in der „Knappenschmiede“ geformt. Wer sich dort durchsetzt, wird auch nach wie vor genug Kohle haben.

Text: Knut Hartwig; der Artikel erschien zuerst im DFB-Journal

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