Kölner Spuren im Deutschen Fußballmuseum

Der 13. Februar 1948 ist kein Tag wie jeder andere: Durch die Fusion der beiden Stadtteilvereine Kölner BC und Spielvereinigung Sülz 07 entsteht der 1.FC Köln. Seither steht der Verein aus der Domstadt für große Momente der Fußballgeschichte. Der Rundgang durch die Ausstellung des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund macht dies deutlich. Er weckt Erinnerungen an herausragende Spielerpersönlichkeiten und besondere Erfolge, offenbart aber auch weniger bekannte Geschichten, die in ihrer Skurrilität ebenfalls charakteristisch für den Verein mit Kultstatus sind.

Für eine der ersten und berühmtesten Spuren, die der 1.FC Köln im deutschen Fußball hinterlassen hat und die der Radioreporter Herbert Zimmermann so emotional eingefangen hat, zeichnet ein echtes  Kölsches Original verantwortlich: Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen…

Der in Köln-Zollstock geborene Hans Schäfer wird 1954 in der Schweiz mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister. Vor wenigen Tagen verstarb er  kurz nach  seinen 90. Geburtstag. Schon lange mochte er es nicht, dass großes Aufhebens um die Helden von Bern gemacht wird. Doch wer sich im Deutschen Fußballmuseum in der Inszenierung rund um den Original-Endspielball zu den dezenten Klängen der Nationalhymne, den Geräuschen herunterprasselnden Regens und Zimmermanns legendärer Radio-Reportage den Spieler-Biografien widmet, der kann sich nur schwer dem Mythos „Wunder von Bern“ entziehen. Seither war Hans Schäfer ein Fußball-Idol, ein Vorbild und gewissermaßen Urahn aller Kölner Spielerpersönlichkeiten, die als seine Nachfolger die Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs fortgeschrieben haben. Von Wembley bis Rio, von Overath bis Podolski – jeder große Erfolg der deutschen Nationalmannschaft hat auch eine Kölner Identität.

Schäfer selbst war es als Spieler noch vorbehalten, seinen Verein 1962 zur ersten Deutschen Meisterschaft zu führen. Besondere Spuren hinterließ dabei auch Lieselotte Kremer, die Frau des damaligen Präsidenten Franz Kremer – und zwar auf einem Bürgersteig, den sie in der Euphorie des Erfolges spontan mit den Vereinsfarben bemalte. Dafür erhielt sie eine Anzeige.

Ein Schreiben der Staatsanwaltschaft, das im Deutschen Fußballmuseum ausgestellt ist, erinnert an diesen – wie es darin heißt – „groben Unfug“. Letztendlich wurde das Verfahren wegen „Geringfügigkeit“ eingestellt, da es sich „um eine einmalige Entgleisung gehandelt hat, die durch die besonderen Beweggründe und Begleitumstände der Tat zwar strafrechtlich weder gerechtfertigt noch entschuldbar, menschlich aber verständlich erscheint.“ Eine Entscheidung jedenfalls im Sinne des Rheinischen Grundgesetzes: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Und ein Zeugnis der besonderen Fußballbegeisterung der Kölner, die ihresgleichen sucht.

Das kann auch der Kölner Dom bezeugen. Der Steinmetz Engelbert Davepon fieberte während der WM 1966 mit der deutschen Nationalmannschaft auf seine ganz eigene Art und Weise mit. Er gestaltete zwei Kapitell-Figuren als Fußballspieler, die mit einem Ball dribbeln und nun seit über 50 Jahren in 45 Metern Höhe das Kölner Wahrzeichen zieren. Im Deutschen Fußballmuseum ist ein Gipsabdruck der Dom-Kicker zu sehen als ein Beispiel dafür, welch’ originelle Blüten zuweilen die Fan-Liebe treibt.

Pierre Littbarski wusste das Engagement und die Treue von Fans besonders zu schätzen. Während der WM 1982 in Spanien sammelte der Kölner Dribbelkünstler die Unterschriften seiner Nationalmannschaftskollegen auf einer Postkarte und versendete sie unter anderem auch an Helmut Klopfleisch. Der konnte als DDR-Bürger nur unter großen Schwierigkeiten und zunehmenden Repressalien durch die Staatssicherheit seinen Lieblingsverein Hertha BSC und die Nationalmannschaft der BRD unterstützen. „Littis“ Postkarte – eine Erinnerung an die schwierigen deutsch-deutschen Begegnungen in Zeiten der staatlichen Teilung.

Beim Museums-Rundgang begegnen aufmerksame Museumsgäste neben unvergessenen Kölner Fußball-Idolen weiteren rheinischen Lokalpatrioten. BAP-Gründer und Frontmann Wolfgang Niedecken ist als prominenter Edel-Fan auf einem überdimensionalen Wimmelbild verewigt. Und eines der berühmtesten Maskottchen des deutschen Fußballs – der Geißbock Hennes – erregt als Exemplar aus Stoff vor allem die Aufmerksamkeit der ganz jungen Besucherinnen und Besucher. Hennes-Abbilder entpuppten sich früh als beliebte Merchandising-Artikel. Die Symbolfigur des FC ist fast seit Beginn an mit „im Geschäft“. Es war im Jahr 1950, als Zirkusdirektorin Carola Williams bei einer Karnevalssitzung FC-Boss Franz Kremer und Spielertrainer Hennes Weisweiler mit dem quicklebendigen Geschenk überraschte. Das perfekte Maskottchen für den neuen Verein war gefunden. Seit 1954 ist der Geißbock auch auf dem FC-Trikot verewigt und somit Zeuge von drei Deutschen Meisterschaften, vier Pokalsiegen, diversen Ab- und Wiederaufstiegen oder auch von dem oder anderen Klüngel und größeren Skandal.

Sportlich mit Heldenstatus versehen, erschütterte Toni Schumacher einst mit seinem Buch „Anpfiff“ nicht nur seinen Verein, sondern gleich den gesamten deutschen Fußball. Die Folge: Er musste sich einen neuen Club suchen, auch in der Nationalmannschaft durfte der Europameister und zweimalige Vize-Weltmeister nicht weiterspielen. Heute ist er als Vize-Präsident längst wieder Mitglied der FC-Familie und auch im Deutschen Fußballmuseum ein gern gesehener Gast. Dort stellte er zuletzt im Rahmen einer Lesung sein neustes Werk „Einwurf“ vor. Diesmal ohne Konsequenzen, auch wenn er nach wie vor nichts zu verbergen hat: Sein „Anpfiff“-Manuskript stellte er vor einiger Zeit als Exponat zur Verfügung.

In wenigen Monaten wird der 1.FC Köln 70 Jahre alt. Dann werden sicher noch einige andere Geschichten, Anekdoten und Erinnerungen an große Erfolge, schmerzliche Niederlagen und skurrile Begebenheiten aufgetischt. Ein wunderbarer Fundus – auch für die Ausstellung des Deutschen Fußballmuseums.

Text: Knut Hartwig

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