Wimpel von Ost-Vereinen

27 Jahre deutsche Fußballeinheit

Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wird vor 27 Jahren am 3. Oktober 1990 vollzogen. Sieben Wochen später folgt der Fußballsport: Am 21. November tritt der ehemalige Fußballverband der DDR (DFV) dem DFB bei. Der Tag der Deutschen Einheit gibt Anlass, auf die unterschiedliche Entwicklung und das spätere Zusammenwachsen des Fußballs in Ost und West zurückzublicken.

Fußball in der DDR

Am 17. und 18. Mai 1958 wird in Ost-Berlin der Deutsche Fußball-Verband (DFV) gegründet und steigt mit einer Millionen Mitgliedern zum größten Sportfachverband in Ostdeutschland auf. Der Fußball in Ost und West unterliegt jeweils unterschiedlichen Einflüssen: In der DDR wirkt der Staat  systematisch auf den Sport ein, in der Bundesrepublik gibt es dagegen autonome Sportverbände. Fußball steht in der DDR im Schatten der klassischen olympischen Disziplinen, die stärker gefördert werden und mehr Prestige versprechen. Dennoch kann die DDR-Nationalmannschaft großartige Olympische Erfolge feiern: zweimal Bronze, einmal Silber und als Höhepunkt Gold bei den Spielen 1976 in Montreal. Insgesamt trägt die DDR-Nationalmannschaft 293 Länderspiele aus. Mit der Teilung des Landes erlangt in der Bundesrepublik der Fußball im Osten zunehmend weniger Aufmerksamkeit. Hingegen begleiten viele Fans aus der DDR Spiele westdeutscher Mannschaften in den Ländern des Ostblocks.

Deutsch–deutsche Fußballbegegnungen

Bis zum Mauerbau 1961 gibt es zwischen beiden deutschen Staaten eine Vielzahl von Fußballbegegnungen auf Vereinsebene. Diese Spiele werden anfangs auch von der östlichen Seite unterstützt, um den Wunsch nach staatlicher Einheit zu bekräftigen. 1956 bestreitet der 1. FC Kaiserslautern mit fünf „Helden von Bern“ vor der Rekordkulisse von 120.000 Zuschauern im Leipziger Zentralstadion ein Freundschaftsspiel gegen Wismut Aue. Die deutsch-deutschen Sportbegegnungen werden jedoch schwieriger, weil sich die DDR zunehmend als eigenständiger Staat begreift und die Bundesrepublik sich politisch Richtung Westen orientiert.

Politisch aufgeladen, heute jedoch fast in Vergessenheit geraten, sind die seltenen Begegnungen der Nationalmannschaften wie bei den Ausscheidungsspielen für die Olympischen Spiele 1960 und 1964. Umso nachhaltiger in Erinnerung ist der 1:0-Sieg der DDR bei ihrer einzigen WM-Teilnahme 1974 im letzten Vorrundenspiel gegen den späteren Weltmeister aus der Bundesrepublik. Der Mauerbau unterbindet jeglichen Spielverkehr. Erst seit 1974 sind streng reglementiert wieder Begegnungen zwischen Ost und West möglich.

Vom Mauerfall zu den ersten freien Wahlen

Die politischen Umbrüche des Jahres 1989 erfassen auch bald den Fußball. Diese erste Phase der „Wende“ ist von großer Euphorie und Neugier auf beiden Seiten geprägt. Die staatliche Einheit ist noch nicht absehbar, es gibt jedoch einen regen sportlichen Austausch, insbesondere auf der Amateur-Ebene. Eineinhalb Wochen nach dem Mauerfall wird der Sportverkehr offiziell freigegeben. Nach 100 Fußball-Begegnungen im ersten Monat, sind es bis zum Frühjahr 1990 bereits 5000.

Der Fußball-Verband der DDR (DFV) erkennt die Zeichen der Zeit und öffnet sich allmählich: Am 1. Dezember 1989 gibt es erste Sondierungsgespräche mit dem DFB. Am 27. Januar 1990 kommt es im Olympiastadion zum Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und Union Berlin. Der im Sommer von Hansa Rostock zur Hertha gewechselte Axel Kruse schießt das 1:0. 51.270 Zuschauer feiern die sportliche Zusammenführung der geteilten Stadt.

1990  –  Zwei Nationalmannschaften in einem Land

1990 steigert sich die Dynamik des deutsch-deutschen Annäherungsprozesses: Die DDR-Nationalmannschaft absolviert ihre letzten Spiele, darunter ein Freundschaftsspiel gegen Brasilien im Mai 1990, das mit einem beachtlichen 3:3 endet. Am 4. Februar 1990 werden die Bundesrepublik und die DDR noch gemeinsam mit Belgien, Wales und Luxemburg in eine Qualifikationsgruppe für die EM 1992 in Schweden gelost. Überdies steht die DDR-Mannschaft in der WM-Qualifikation für die Endrunde 1990 in Italien. Das entscheidende Spiel in Wien gegen Österreich geht mit 0:3 verloren. Das letzte Länderspiel der DDR-Auswahl findet am 12. September 1990 gegen Belgien statt. Beide Tore zum 2:0-Sieg schießt Matthias Sammer.

Auf der anderen Seite feiert die bundesdeutsche Nationalmannschaft einen großen Triumph und erringt am 8. Juli 1990 gegen Argentinien in Rom den Weltmeistertitel. Am 19. Dezember 1990 läuft beim Länderspiel gegen die Schweiz in Stuttgart erstmals die wiedervereinigte Nationalmannschaft auf.

Die Vereinigung der Verbände – Der Weg zum 21. November 1990

Auf der Ebene der Verbände gestaltet sich das Zusammenwachsen nicht reibungslos. Die alten Funktionäre des DDR-Fußballs sehen eine schwierige Wegstrecke vor sich. Auch die DFB-Spitze geht von einem langen Vereinigungsprozess aus. Die ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR mit dem Sieg der „Allianz für Deutschland“ führen zu einem Umdenken. Am 31. März 1990 findet der erste demokratisch legitimierte Verbandstag des DFV in Strausberg bei Berlin statt, bei dem mit Hans-Georg Moldenhauer ein engagierter Reformer an die Spitze des Verbandes gewählt wird.

Er befürwortet einen Beitritt zum DFB in Anlehnung an die Entwicklung auf staatlicher Ebene. Am 19. Juli 1990 wird in Frankfurt/Main der Zusammenschluss der beiden Verbände beschlossen. Am 20. November löst sich der Deutsche Fußball-Verband der DDR (DFV) auf und tritt als neuer Regionalverband „Nordostdeutscher Fußballverband“ dem DFB bei. Die Wiedervereinigung des deutschen Fußballs wird im Leipziger Gewandhaus feierlich besiegelt.

Alte Vereine in neuen Strukturen

Die Vereinigung der Verbände hat tiefgreifende Wirkungen für den DDR-Fußball, die bis heute nachwirken. Die Verhandlungen über die zukünftige Struktur der Ligen gestalten sich schwierig. Der Nordostdeutsche Fußballverband will die besten vier Mannschaften der alten DDR-Oberliga in der Bundesliga sehen, die restlichen zehn Teams sollen sich in die 2. Liga eingliedern. Der DFB schlägt eine Qualifikationsrunde vor. Dort sollten die zwei besten DDR-Oberligisten auf die beiden Absteiger aus der Bundesliga und die zwei Aufsteiger aus der 2. Liga treffen.

Das Ergebnis ist ein Kompromiss: Zwei Mannschaften werden in die Bundesliga aufgenommen, sechs Vereine dürfen in der 2. Liga starten. Die Klubs aus den neuen Ländern haben im Profi-Fußball langfristig kaum eine Chance. Die meisten finden sich heute in der 3. Liga wieder.

Amateur-Bereich – Vereinskultur ohne Vereine

Die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf den Amateur-Bereich sind einschneidend. Mit dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft fallen die Trägerbetriebe als Geldgeber für die ehemaligen Betriebssportgemeinschaften aus. Westdeutsche Landesverbände versuchen zu unterstützen und übernehmen Patenschaften. Aus Betriebssport-Gemeinschaften der DDR werden eingetragene Vereine des DFB.

Das dem sozialistischen Staat verpflichtete ganzheitliche System der systematischen Sportförderung der DDR wird abgebaut. Die Kinder-und Jugendsportschulen mit ihrem geschlossenen Förderstufensystem in verschiedenen Altersstufen werden zum Teil übernommen. Heute befinden sich neun der 29 DFB-Eliteschulen in Ostdeutschland.

Spielerkarrieren von Ost nach West

1990 und 1991 wechseln rund 70 ostdeutsche Spieler zu Proficlubs in die alten Bundesländer. Den Auftakt bilden die Spieler Andreas Thom (BFC Dynamo) und Ulf Kirsten (Dynamo Dresden), die bereits im Dezember 1989 von Bayer Leverkusens Manager Rainer Calmund  in den Westen transferiert werden. Für Thom überweist der Werksverein 2,6 Millionen D-Mark an den DDR-Sportverband. Auch Matthias Sammer zieht es von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart. Viele DDR-Oberligisten erleiden einen nicht ersetzbaren sportlichen Verlust.

Sieben Profis, die auf Einsätze in der DDR-Nationalmannschaft zurückblicken, schaffen den Sprung in die wiedervereinigte Nationalmannschaft. Als erste ehemalige Ost-Spieler geben im Dezember 1990 beim 4:0 gegen die Schweiz Matthias Sammer und Andreas Thom ihr Länderspiel-Debüt im Westen.

Die WM 2006 – Auf dem Weg zur Fußballeinheit

Die Fußball-WM 2006 in Deutschland steht für einen neuen, positiv geprägten Patriotismus, der die innere Einheit des Landes vorantreibt. Mit Leipzig und Berlin ist Ostdeutschland  unter den Austragungsorten des Turniers vertreten. Die traditionsreichen Stadien werden dort mit großem Aufwand modernisiert. Im Berliner Olympiastadion findet das Endspiel statt, in Leipzig verändern die Vorrundenspiele der Holländer mit ihren zahlreichen in orange gekleideten Fans das Gesicht der Stadt. In Ost und West wird gleichermaßen der dritte Platz der deutschen Mannschaft gefeiert. Mit der Austragung der Weltmeisterschaft in Deutschland geht auch ein ausdrücklicher Wunsch des damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun in Erfüllung. Für seine Verdienste um die Leipziger Bewerbung erhält er 2007 die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig.

Bilanz: Fußball zwischen Tradition und Aufbruch

Die Bilanz nach inzwischen 27 Jahren deutsche Fußballeinheit fällt zwiespältig aus. Die Traditionsvereine des Ostens haben nach wie vor Schwierigkeiten, sich in den höchsten deutschen Spielklassen zu etablieren. Die schlechte finanzielle Ausstattung, Management-Fehler, die sehr lebendige, aber auch zum Teil aggressive Fan-Kultur sind Faktoren, die den Aufstieg des Fußballs in Ostdeutschland erschweren. Immerhin hat es mit RB Leipzig ein Verein in die Bundesliga und auf Anhieb die Qualifikation für die Champions League geschafft. Der Leipziger Klub polarisiert allerdings die Fanszene. Die tatkräftige Unterstützung eines Großsponsors aus Österreich ist vielen einen Dorn im Auge. Doch der Respekt vor der sportlichen Leistung und der attraktiven Spielweise der Mannschaft scheint sich allmählich Bahn zu brechen.

Derzeit ist die 3. Liga das Sammelbecken für Traditionsvereine des Ostens, der dort momentan mit sieben Mannschaften vertreten ist. In der zweiten Liga spielen mit Union Berlin, Erzgebirge Aue und Dynamo Dresden drei Klubs aus dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Der Wunsch des letzten Präsidenten des DFV, Hans-Georg Moldenhauer, lautet anfangs: „Zwei bis drei Vereine in der Bundesliga, drei bis vier in der 2. Liga und sechs Klubs in der 3. Liga“. So gesehen, wenn man das nach 27 Jahren so sagen kann: Ein Anfang ist gemacht.

Text: Knut Hartwig

„Fußball in der DDR“ wird in einem eigenen Bereich des Deutschen Fußballmuseums thematisiert und ist ein Schwerpunktthema im museumspädagogischen Programm.

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