Lars Ricken machte das Jahrhundert-Tor

#20JahrePottimPott: Jahrhundert-Ereignisse im Ruhrgebiet

1997 war die Metropole Ruhr Europas Fußballhauptstadt. In dieser Woche jähren sich die Europapokal-Triumphe von Schalke 04 und Borussia Dortmund zum 20. Mal.

Am 21. Mai gewannen die Blau-Weißen gegen Inter Mailand den UEFA-Pokal, sieben Tage später behielt Schwarz-Gelb im Finale der Champions League in München gegen Juventus Turin die Oberhand.

Beide Begegnungen bleiben unvergessen. Nicht nur wegen der Titel, sondern auch wegen der Dramatik der Spiele. Die finale Entscheidung im UEFA-Pokal verteilte sich damals noch auf zwei Endspiele. Schalke musste im Rückspiel in Mailand einen 1:0-Vorsprung verteidigen. Das gelang nicht ganz. Inter egalisierte, weshalb es zunächst Verlängerung gab und schließlich das Elfmeterschießen herhalten musste, um den Gewinner zu ermitteln. In München ging es zwar „nur“ über  die reguläre Spielzeit, aber mit dem Anschlusstreffer der Italiener nach der 2:0-Halbzeitführung des BVB spitzten sich auch dort die Dinge zu.

In beiden Partien sicherten sich in der entscheidenden Phase Einwechselspieler einen Eintrag in die Geschichtsbücher. Der Schalker Ingo Anderbrügge wurde von Trainer Huub Stevens in weiser Voraussicht bereits in der ersten Hälfte der Verlängerung als sicherer Elfmeterschütze aufs Spielfeld geschickt, was sich dann auch auszahlen sollte. Der Mann mit dem strammen linken Schuss trat als Erster an, beulte das Tornetz fast aus und brachte damit sein Team auf Kurs. BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld ließ Supertalent Lars Ricken 70 Minuten auf der Bank schmoren, nicht ohne ihm vor der Begegnung mit auf den Weg gegeben zu haben, dass seine Zeit in diesem Finale auf jeden Fall kommen werde. Die ließ nicht lange auf sich warten: Bei seinem ersten Ballkontakt überwand Ricken mit einem grandiosen Heber Juves Torwart Angelo Peruzzi und stellte den 3:1-Endstand her. BVB-Fans wählten den Treffer zum Jahrhundert-Tor. Die Schalke-Fans wählten Huub Stevens wegen des herausragenden Erfolges zum Jahrhundert-Trainer.

So ließen sich noch viele weitere Parallelen zwischen den Ereignissen aufzählen. Zum Beispiel agierten mit Matthias Sammer und Olaf Thon in beiden Teams zwei Spielerpersönlichkeiten als Libero, die ihre Position auf ähnliche Art und Weise offensiv interpretierten. Zudem waren sie als Führungsspieler bestens mit der Vereinsführung vernetzt. Hier beginnen allerdings auch die gravierenden Unterschiede im Hinblick auf den nachhaltigen Umgang mit den Europapokal-Siegen.

Während Thon im Verbund mit Manager Rudi Assauer und Betreuer-Legende Charly Neumann Störfeuer in der Mannschaft und in ihrem Umfeld im Keim erstickte und den Laden zusammenhielt, betrieb der meinungsfreudige Sammer gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten Gerd Niebaum zu jener Zeit wohl eher das Gegenteil. Zumindest stand  für Ottmar Hitzfeld schon am Morgen nach dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte fest, dass er in der Konstellation der herrschenden Machtverhältnisse keine Zukunft mehr als Trainer beim BVB hatte. Von Manager Michael Meier, seinem Vertrauten, ließ er sich noch überreden, den Sportdirektor-Posten zu übernehmen. Als dann aber das Angebot aus Bayern München kam, auf den Trainerstuhl zurückzukehren, brach er seine Zelte in Dortmund ab.

In Schalke entstand der Mythos der „Eurofighter“, die bis heute höchste Wertschätzung bei Fans und Verein genießen. Sie stehen für eine verschworene Truppe von Spieler, die mit Kampf- und Teamgeist begeisterten und in der jeder einzelne durch den unverhofften Erfolg Kultstatus erlangte. Zum Revival-Spiel kamen am 21. Mai beinahe alle Teammitglieder von damals und über 32.000 Zuschauer in die Schalke-Arena, die immer wieder das berühmte Europapokal-Lied „Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzson, wir schlugen Brügge sowieso!“ anstimmten.

Der Champions League-Sieg des BVB hatte eine andere Vorgeschichte. Durch die Rückholaktionen von zuvor nach Italien abgewanderten Nationalspielern wie Andreas Möller, Jürgen Kohler, Matthias Sammer, Stefan Reuter und Karlheinz Riedle hatte die Vereinsführung einen hochkarätigen, aber vor allem auch teuren Kader zusammengestellt. Die Teilnahme an dem lukrativen Königsklassen-Wettbewerb war quasi Pflicht und die war für die darauffolgende Saison nur über den Sieg im Finale gegen Turin möglich. In der Bundesliga hatte es lediglich zu Platz drei gereicht, der damals kein Qualifikationsplatz war. So galt in der Schlussphase der Saison die Fokussierung auf das Finale von München. Der angeschlagene Matthias Sammer  wurde speziell für dieses Spiel fit gemacht. Wolfgang Feiersinger, der als sein Stellvertreter zuvor bravourös seinen Mann gestanden hatte, durfte nur zuschauen. Er war noch nicht einmal im Kader. Die – auch eingedenk der internen Trainerdebatte – explosive Lage entlud sich in einer grandiosen Leistung gegen das italienische Ausnahmeteam mit Spielern wie den späteren französischen Weltmeistern Zinedine Zidane und Didier Deschamps. Doch von dem stolzen Borussen-Gebilde blieb in den folgenden Jahren nicht mehr viel übrig.

Während also die Schalker in dem UEFA-Pokal-Triumph ein identitätsstiftendes Ereignis feiern, das bis heute nachwirkt, kann der damalige Erfolg der Borussia auch als Wendepunkt angesehen werden, der den Verein in Richtung der Fast-Insolvenz führte. Vielleicht liegt hierin der Grund, dass 20 Jahre später der Champions League-Sieg eher in den Medien als im eigenen Verein angemessen gewürdigt wird. Vielleicht aber wollen sie beim BVB einfach nur noch fünf Jahre warten, um das Silberjubiläum feierlich zu begehen.

Und wer zwischendurch in Erinnerungen an dieses besondere Woche des Ruhrgebietsfußballs schwelgen möchte: Auch hier lohnt sich der Besuch des Deutschen Fußballmuseums. Noch bis zum 28. Mai heißt es bei uns #20JahrePottimPott – macht euer Selfie mit den Europapokalen!

20JahrePottimPott
20JahrePottimPott

Text: Knut Hartwig

Fotos: imago

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