Christoph Metzelder (li.) und Sebastian Kehl (beide Deutschland) jubeln über den dritten Platz bei der WM 2006;

Christoph Metzelder im Interview: „Es war ein Mentalitätswechsel zu spüren“

Christoph Metzelder lässt im Interview seine Jahre in der Nationalmannschaft Revue passieren. Ein Gespräch über Talente, Teamgeist und tonangebende Mitspieler.

Christoph, Du bist Sky-Experte, Geschäftsführer einer Sportmarketing-Agentur, engagierst Dich ehrenamtlich mit Deiner eigenen Stiftung und in mehreren Funktionen in Deinem Heimatverein TuS Haltern und bist Aufsichtsratsmitglied beim Drittligisten Preußen Münster. Dreieinhalb Jahre nach dem Ende Deiner Karriere in der Glitzerwelt des Fußballs: Kann man sagen, Du bist im normalen Leben angekommen?

Auf jeden Fall. Ich bin glücklich. Jede einzelne Aufgabe macht mir Spaß und ist eine Herausforderung. Ich denke, für diese Entwicklung war es wichtig, dass ich mich bereits während meiner aktiven Laufbahn mit anderen Dingen beschäftigt habe als nur mit Fußball. Es kann sein, dass mir deswegen in den letzten Jahren in sportlicher Hinsicht vielleicht am Ende ein paar Prozent Fokussierung gefehlt haben. Aber ich darf durchaus mit Stolz auf das zurückblicken, was ich in meiner Laufbahn erreicht habe.

Lass uns das gemeinsam tun und über die „Goldene Generation“ sprechen. Im Deutschen Fußballmuseum gibt sie dem Ausstellungsbereich einen Namen, in dem es um die Entwicklung der Nationalmannschaft zwischen den Jahren 2000 und 2014 geht. Hältst Du diese Bezeichnung für zutreffend?

Die eigentliche „Goldene Generation“ ist für mich die U21-Nationalmannschaft, die 2009 den Europameistertitel errungen hat und aus der mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Sami Khedira und Mesut Özil das Gerüst des Weltmeister-Teams von 2014 erwachsen ist. Ich selbst bin 2001 in einer Phase des Umbruchs zur Nationalmannschaft gestoßen, unter Jürgen Klinsmann begann dann 2004 der Aufbruch in ein neues deutsches Fußballzeitalter.

Wie war denn damals die Stimmung im Team, als Du dazu kamst – ein Jahr nach dem Scheitern bei der EM 2000 in Belgien und den Niederlanden?

Zunächst einmal war meine Nominierung für mich persönlich natürlich ein großes Erlebnis und in Anbetracht meiner bis dahin überschaubaren Anzahl an Bundesligaspielen keine Selbstverständlichkeit. Man merkte aber schon, dass die Nationalmannschaft damals wenig Selbstvertrauen hatte und auch noch eine andere Struktur besaß. Es gab klare Mannschaftsblöcke und eine altersbedingte Hierarchie. Sebastian Kehl und ich kamen aus der U21 und waren gemeinsam mit Sebastian Deisler mit Abstand die jüngsten Spieler. Dementsprechend scheu sind wir dort aufgetreten.

Wer gab den Ton an?

Es gab viele erfahrene Spieler. Im gesamten Team genoss Oliver Kahn auf Grund seiner herausragenden Klasse eine exponierte Stellung. Aber natürlich auch Oliver Bierhoff, Marco Bode, Jens Jeremies, Christian Ziege oder andere. Die jungen Spieler wie Kehli, Gerald Asamoah, Miroslav Klose oder ich waren insgesamt wenig eingebunden. Das war zu der Zeit aber auch einfach so. Es gab eine klare Hackordnung und wir haben uns ganz selbstverständlich ein- und untergeordnet.

Plötzlich rückten mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski mehr Talente nach. Wie haben sie das Gefüge verändert?

Es war ein Mentalitätswechsel zu spüren. Die Jungs sind selbstbewusster aufgetreten, als man das vorher kannte. Insofern habe ich sie nicht nur in sportlicher Hinsicht als Verstärkung empfunden, sondern die Hierarchie hat sich ganz selbstverständlich dadurch geändert. Und sie passten natürlich ideal in das Anforderungsprofil von Jürgen Klinsmann, der mit seinem Amtsantritt als Bundestrainer eine andere Spielweise implementierte und im gesamten Umfeld der Nationalmannschaft Änderungen vornahm.

Wie machte sich das konkret bemerkbar?

Die ganze Organisation war anders. Das begann schon mit den Treffpunkten der Nationalmannschaft vor den Länderspielen. Wir gingen nun mitten in die Städte und nicht mehr in die Peripherie. Für den Zeitraum der Lehrgänge wurde um die Trainingseinheiten herum ein Kultur- und Freizeitprogramm gestrickt, wir waren immer aktiv. Hinzu kamen umfangreiche Marketingmaßnahmen. Insgesamt herrschte ein anderer Geist. Entscheidend war natürlich, dass die Strukturen des neuen Talentförderprogramms griffen und enorme Qualität nachrückte.

War Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler ein Gescheiterter?

Ganz im Gegenteil! Unter den Rahmenbedingungen, die herrschten, und in Anbetracht der Spieler, die ihm zur Verfügung standen, hat er das Optimale erreicht. Die Vizeweltmeisterschaft 2002 war ein grandioser Erfolg. Im Endspiel gegen Brasilien haben wir unser bestes Spiel gemacht, sind aber auf einen Gegner getroffen, der immer in der Lage war, noch einen Gang hochzuschalten. Die Brasilianer hatten die größere Qualität. Und ohne Oliver Kahn wären wir bereits im Viertelfinale ausgeschieden.

Du zähltest zu den wenigen Spielern aus der Phase des Umbruchs, auf die Jürgen Klinsmann weiterhin gesetzt hat. Wie ist er mit Dir umgegangen?

Er hat mich immer gepusht. Ich hatte eine schwierige Phase. Als Klinsmann übernahm, war ich wegen einer Achillessehnen-Operation noch ein Langzeitverletzter. Bei meiner Rückkehr hat er mir direkt Verantwortung übertragen, was mir in meiner Karriere ohnehin immer gutgetan hat. Auch wenn ich damals selbst noch nicht ganz so alt war, sah er mich als geeigneten Führungsspieler für die nachfolgende junge Generation.

Was bedeutet Dir die WM 2006?

Das Turnier ist sowohl als Erlebnis als auch in sportlicher Hinsicht ein absoluter Karrierehöhepunkt. Die Atmosphäre in der Schlussphase des zweiten Gruppenspiels gegen Polen, als Oliver Neuville kurz vor dem Abpfiff den Siegtreffer erzielte, ist an Emotionalität nicht zu übertreffen. Mit dem dritten Platz konnten wir am Ende sehr zufrieden sein, wobei wir in meiner persönlichen Retrospektive dem Titel damals am nächsten waren. 2002 habe ich schon erwähnt. 2008 haben uns die Spanier im EM-Endspiel mit ihrer neuen Art des Fußballs keine Chance gelassen. Zudem herrschte in unserer Truppe auch nicht mehr so ein Flow wie zwei Jahre zuvor. Die letzten vier Mannschaften bei der WM 2006 waren auf einem Leistungsniveau. Die Italiener waren vielleicht altersmäßig auf ihrem Zenit und dadurch einen Tick abgezockter.

Das Finale der EM 2008 war nach 47 Einsätzen im Nationaltrikot Dein letztes Länderspiel. War das so geplant?

Nein. Ich hätte gerne noch die 50 voll gemacht. Aber meine Situation im Verein bei Real Madrid gab es einfach nicht her, mich nachhaltig für weitere Einsätze zu empfehlen. Und später kam dann mit Badstuber, Boateng, Hummels und Höwedes die nächste Generation Innenverteidiger. Für meinen Kumpel Per Mertesacker hat es mich sehr gefreut, dass er sich bei dieser Konkurrenz behaupten und mit den Jungs der „Goldenen Generation“ doch noch einen Titel erringen konnte.

Können bei allem Konkurrenzdenken im Profifußball Freundschaften entstehen?

Schon. Wo wir gerade über Per sprechen: Es gibt,glaube ich, niemanden unter denjenigen, die mit ihm zusammengespielt haben, der sich negativ über ihn äußern würde. Er ist einfach ein super Typ, der sein Ego immer hinten angestellt hat. Ich denke, er hat in der Endphase der WM 2014, als er nur noch Ergänzungsspieler war, dennoch entscheidenden und vor allem positiven Einfluss aufs Team gehabt. Ansonsten ist das Schöne am Fußball, dass man ehemaligen Mitspielern nach langer Zeit wiederbegegnet und der Kontakt ist so, als wäre man gestern erst auseinandergegangen. Freundschaftliche Bindungen habe ich vor allen Dingen zu Sebastian Kehl, Jens Lehman oder auch Peer Kluge.

Bei den Begegnungen mit Deinen ehemalige Berufskollegen Lothar Matthäus und Didi Hamann am Sky-Expertentisch sieht das manchmal eher nach einer ernsten Angelegenheit aus…

Das täuscht. Von Oktober bis April ist es am Spielfeldrand einfach sehr kalt (lacht). Gerade mit Didi verbinden mich tolle Erlebnisse. Bei der WM 2002 war er neben Michael Ballack der herausragende Feldspieler bei uns. Auch außerhalb des Platzes konnte man eine Menge Spaß mit ihm haben. Überdies finde ich es klasse, wie er auch im englischen Fußball als Experte eine berufliche Nische für sich gefunden hat. Und zu Lothar kann ich sowieso nur Gutes sagen: hervorragende Fußballkenntnisse und ein extrem positiver Typ!

Bei der Karriere nach der Karriere tun sich viele Spieler schwer. Bietet der immer stärker kommerzialisierte Fußball mit seiner all umfassenden medialen Verbreitung nicht genügend Jobs?

Im Kernbereich „Sport“ werden es eher weniger. In vielen Bereichen sind vermehrt Spezialisten tätig, die ihren Beruf von Grund auf gelernt haben. Finanz- und Marketingvorstände kommen mittlerweile von außen und das wird zukünftig auch im Bereich Administration so sein. Selbst für die Trainerstellen gilt, dass es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass sie von ehemaligen Bundesligaspielern besetzt werden. Die größere Verantwortung des Profifußballers sehe ich aber woanders. Die intensive Talentförderung, aus der viele hochbegabte Spieler hervorgehen, hat nun mal die Kehrseite, dass sie auf den Profifußball ausgerichtet ist und nicht auf berufliche oder schulisch-akademische Qualifikationen. Jedes Jahr spuckt dieses System nun junge Menschen aus, die es nicht in den Profibereich schaffen, aber jahrelang alles auf eine Karte gesetzt haben.

Wenn Du nicht als Experte am Spielfeldrand sitzt, wie verfolgst Du dann Spiele der Bundesliga und der Nationalmannschaft?

Gerne am Fernseher, weniger im Stadion. Richtiges Mitfiebern ist aber vor allem bei den Spielen des TuS Haltern angesagt, durch den ich die ursprüngliche Liebe für den Fußball – nämlich Fan zu sein – wiederentdeckt habe. Spätestens mit meinem Wechsel zum BVB konnte ich kein Fan mehr sein. Heute genieße ich es, sonntags um 15 Uhr aufgeregt zu sein, weil „mein Team“ spielt.

Im Profifußball wird man Dich also nicht mehr sehen?

Das würde ich nicht ausschließen wollen. Im Profibereich bin ich naturgemäß in den Gestaltungsmöglichkeiten begrenzt. Alle Entscheidungen werden in Gremien erarbeitet und müssen täglich einer großen Öffentlichkeit gegenüber erklärt werden. Das verlangt sehr viel Kommunikation und eine klare Linie. Das reizt mich. Mit meinen Engagements als Vereinsvorsitzender des TuS Haltern und als Aufsichtsratsmitglied bei Preußen Münster durchlaufe ich momentan eine gute Schule.

Hättest Du Dir eigentlich auch ein Abschiedsspiel gewünscht, wie es nun Lukas Podolski Ende März in Dortmund zuteil geworden ist?

Die Begegnung gegen England war ja trotz allem ein reguläres Freundschaftsspiel. Die offiziellen Abschiedsspiele des DFB gibt es schon länger nicht mehr und standen vorher nur Spielern mit mindestens 50 Länderspielen zu. Also wäre ich eh kein Kandidat gewesen (lacht). Aber keine Frage: Das war eine wunderbare Sache für Poldi und er hat es mehr als verdient, dann auch noch das entscheidende Tor zu schießen. Er ist ein herausragender Sportler und ein überaus positiver Mensch. Es gab kaum eine Bus- oder Flugreise, bei der er sich nicht das Mikrofon geschnappt hätte, um uns bestens zu unterhalten. Jede Gruppe braucht solche Typen, gerade in Turnieren!

Wer war in all den Jahren Dein bester Mitspieler?

Neben Guti bei Real Madrid – Bernd Schneider. Als Supertechniker war er in unserem Team ein positiver „Fremdkörper“ (lacht). Da gab es die „Goldene Generation“ ja noch nicht…

Vielen Dank für das Gespräch, Christoph.

Zur Person – Christoph Metzelder

geboren am 5. November 1980 in Haltern am See; Experte, Geschäftsführer, Fußballspieler und -trainer.
2000 – 2013: 178 Bundesligaspiele (4 Tore) für Borussia Dortmund und Schalke 04, 23 Spiele in der Primera División für Real Madrid, 47 Einsätze für die deutsche Nationalmannschaft
seit 2013: Experte für den Fernsehsender Sky und Geschäftsführer der Sportmarketingagentur Jung von Matt/sports
seit 2014: 1. Vorsitzender und Trainer der U19-Junioren des TuS Haltern
seit 2016: Aufsichtsratsmitglied bei Preußen Münster
Träger des Verdienstordens des Landes Nordrhein- Westfalen für sein soziales Engagement

Interview: Knut Hartwig (erschien zuerst im ANSTOSS. Magazin des Deutschen Fußballmuseums)

Fotos: imago

FacebookTwitterGoogle+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare und Anregungen? Immer her damit!