Am Ziel aller Träume: Nach zehn gemeinsamen Jahren in der Nationalmannschaft können „Schweini“ und „Poldi“ den WM-Titel bejubeln.

Ein Großer verlässt die Fußballbühne: Poldi sagt „Tschö“

Sein Karriereende ist noch nicht in Sicht. Aber es bedeutet in jedem Fall eine Zäsur: Lukas Podolski verabschiedet sich beim Klassiker gegen England am 22. März in Dortmund aus der Nationalmannschaft. Mit ihm verlässt eine große Identifikationsfigur die Bühne des internationalen Fußballs. Seine prägenden Momente im Nationaldress erzählen ein gutes Stück Länderspielgeschichte.

Sein vorerst letztes Länderspiel habe sich so angefühlt wie sein erstes, sagte Lukas Podolski nach dem 3:0-Sieg gegen die Slowakei im dritten Gruppenspiel bei der EM 2016 in Frankreich. Bei seiner Einwechslung feierten ihn die deutschen Fans frenetisch, auf dem Platz brachte er noch einmal frischen Wind in die Aktionen seiner Mannschaft und nach Schlusspfiff nahm der Publikumsliebling ein ausgiebiges Bad in der jubelnden Menge.

Irgendwie spiegeln diese Minuten im Stade Pierre-Mauroy von Lille die Nationalmannschaftskarriere von Lukas Podolski wie im Zeitraffer wider. Am Anfang stand ebenfalls eine Einwechslung. Beim Vorbereitungsspiel auf die EM 2004 gegen Ungarn auf dem Lauterer Betzenberg schickte ihn Teamchef Rudi Völler in der 73. Minute für Fredi Bobic auf das Spielfeld. Die Vorfreude beim deutschen Anhang war groß, hatte der damals 19-Jährige mit zahlreichen spektakulären Auftritten in der Bundesliga in den Monaten zuvor bereits auf sich aufmerksam gemacht. Am 0:2-Rückstand änderte sich zwar nichts mehr, aber man ahnte sogleich, dass sich – auch im Zuge des wenige Minuten zuvor erfolgten Debüts des unwesentlich älteren Bastian Schweinsteiger – eine neue Generation mit Dynamik ihren Weg bahnte. Damit einher ging die Hoffnung auf einen Mentalitätswechsel, eine veränderte Spielphilosophie. Die Fußballnation, des klassischen deutschen Spielsystems basierend auf Ordnung und Disziplin überdrüssig, sehnte sich nach mehr Sturm und Drang. In den Jahren des von Teilen der Medien diagnostizierten Rumpelfußballs und den raren Erfolgen, die neben dem Können des herausstechenden Michael Ballack im Wesentlichen dem unbändigen Immer-weiter-Willen von Torwart Oliver Kahn zu verdanken waren, galten Spielertypen wie Podolski und Schweinsteiger als Mangelware. Sie gab es zu der Phase so gut wie nicht. Technisch hervorragend ausgebil det und dazu mit einer Unbekümmertheit versehen, die sich nicht nur durch Lockerheit jenseits des grünen Rasens bemerkbar machte, sondern auch mit frechen und unberechenbaren Aktionen auf dem Spielfeld. „Schweini“ und „Poldi“ wurden schnell zum Markenzeichen des Aufbruchs in ein neues Fußball-Zeitalter, in dem sich auch eine veränderte Spielkultur herausbildete.

Die EM 2004 in Portugal konnten die beiden Spezis mit Kurzeinsätzen noch nicht retten. Und auch die Heim-WM 2006 kam für die heranwachsende Spielergeneration eigentlich zu früh, zumal bereits große Verantwortung auf ihr lastete. Als sich Philipp Lahm, damals mit 22 Jahren ebenfalls noch blutjung, bei einem Freundschaftsspiel unmittelbar vor dem Turnier am Ellenbogen verletzte und für den WM-Auftakt auszufallen drohte, war das Entsetzen bei den Verantwortlichen um Trainer Jürgen Klinsmann und bei vielen Fußballexperten groß. Auch Lukas Podolski hatte sich seit seinem Debüt mit zwölf Toren in 25 Länderspielen nachhaltig in den Blickpunkt gespielt, so dass die Erwartungshaltung an den Jungstar enorme Ausmaße annahm. Das schien ihn in den ersten beiden Partien gegen Costa Rica und Polen etwas zu hemmen, doch spätestens mit seinem Treffer im dritten Gruppenspiel gegen Ecuador wurde die Heim-WM auch sein Turnier. Das Achtelfinale gegen Schweden, in dem ihm beide Tore zum 2:0-Sieg gelangen, zählt sicher zu einer seiner großartigsten Darbietungen im Nationaltrikot überhaupt.

Am Ende des Turniers gewann Podolski die FIFA-Wahl als „Bester junger Spieler“.  Spätestens seitdem war der Stürmer für die Nationalmannschaft unverzichtbar. Gleichzeitig wurden das Team und sein Umfeld ihm zur Heimat, zur Wohlfühlzone und teilweise zum Auffangbecken. Denn mit seinem Wechsel nach der WM von seinem geliebten 1. FC Köln zum FC Bayern München geriet die heile Vereinswelt für ihn aus den Fugen. In Köln galt er als Volksheld. Als solcher konnte er sich im Münchener Haifischbecken nie so richtig freischwimmen. In seinen drei Spielzeiten für den Rekordmeister erzielte er in 71 Einsätzen 15 Treffer.

Ganz anders in der Nationalmannschaft: Im gleichen Zeitraum gelangen ihm dort 18 Tore in 31 Spielen. Dabei bildete er mit Miroslav Klose im 4:4:2-System über Jahre eine prächtig harmonierende Doppelspitze. In dieser Konstellation spielten sie nach der WM 2006 auch das EM-Finale 2008 und die grandiose WM 2010 in Südafrika, bei der die deutsche Elf einen berauschenden Angriffsfußball zelebrierte. Beim Treffer zum 2:0 im Achtelfinale gegen England vollendete Podolski eine Kombination über Klose und Thomas Müller, wie man sie selten zuvor von einer deutschen Mannschaft gesehen hatte.

Doch indem sich die Aufstellung zunehmend an einem 4:2:3:1-System mit nur einem Stürmer ausrichtete und gleichzeitig der Stern von WM-Torschützenkönig Thomas Müller immer heller leuchtete, Toni Kroos sich als Pass-Stratege etablierte und Mesut Özil an seinen guten Tagen die personifizierte Leichtigkeit des neuen Spielstils darstellte, wurde es für Podolski immer schwieriger, seinen Stammplatz zu behaupten. Bei der EM 2012 in seinem Herkunftsland Polen und in der Ukraine ging er letztmalig als Spieler der Startformation in ein großes Turnier.  In Brasilien, wo sich die sogenannte „Goldene Generation“ mit dem WM-Titel 2014 die Krone aufsetzte, wirkte er lediglich in zwei Partien mit. Doch sein Wert für die Mannschaft blieb unbestritten. Zumindest intern, bei seinen Teamkollegen und Bundestrainer Joachim Löw. Als ihm Journalisten den Status eines Maskottchens anhefteten, musste er sich für seine Nominierung für die EM 2016 in der Öffentlichkeit rechtfertigen.

Fest steht: Lukas Podolski hat den Teamgeist der Nationalmannschaft in den vergangenen zwölf Jahren gelebt wie kaum ein anderer. Gemeinsam mit Miroslav Klose, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Per Mertesacker bildete er bei- nahe über die gesamte Zeit das Gerüst eines Teams, in das die hochveranlagten Spieler aus den Leistungszentren der Vereine und den Fördermaßnahmen des DFB problemlos integriert werden konnten. Podolski vermittelte nie den Eindruck, dass er neue Konkurrenten mit Ränkespielchen krampfhaft kleinhalten wollte. Er stellte sich dem Leistungsprinzip, zog sich bei Aufstellungsentscheidungen gegen ihn nicht schmollend zurück, sondern versuchte dann eben verstärkt im Innenleben der Mannschaft Impulse zu setzen. Auf seine unverkennbar eigene Art, mit der Fröhlichkeit eines Ur-Kölners, aber auch mit großer Professionalität. Von langen Verletzungspausen blieb er verschont. Seine Einschätzungen zum Fußballgeschehen formulierte er immer schnörkellos. Das wurde ihm zuweilen als Schlichtheit ausgelegt. Doch trat er immer als ein herausragender Botschafter der Nationalmannschaft auf. Und als begnadeter Öffentlichkeitsarbeiter: Die Art und Weise, wie er bei der EM 2016 in Frankreich den Griff-in-die Hose-Skandal des Bundestrainers wegmoderierte, war ein Glanzstück kreativer Krisenkommunikation.

Mit Lukas Podolski verlässt ein Original die Nationalmannschaft. Seine Unverwechselbarkeit auf und außerhalb des Platzes wird ihr fehlen. Wie auch seine Tore. Von allen Nationalspielern hat er mit insgesamt 48 die drittmeisten erzielt. Auch bei der Anzahl der Einsätze liegt er mit 129 weit vorne. Nur Miroslav Klose und Lothar Matthäus sind öfter im Nationaltrikot aufgelaufen. Wenn er sich im März aus der Nationalmannschaft und von ihren Fans verabschiedet, wird es sicher auch für ihn wieder emotional: ganz wie bei seinem Debüt 2004 gegen Ungarn und dem EM-Spiel gegen die Slowakei im vergangenen Jahr. Tschö, Poldi!

HINTERGRUND
„Goldene Generation“ heißt im Deutschen Fußballmuseum der Ausstellungsbereich, in dem es um die Geschichte der Nationalmannschaft zwischen den Jahren 2000 und 2014 geht. Zentrales Element ist eine überdimensionale Ballskulptur, die als Projektionsfläche für eine spektakuläre Multimedia-Inszenierung dient. Thematisch wird der Bogen von der Umstrukturierung des Talentfördersystems in Deutschland über die WM 2006 im eigenen Land bis hin zum Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gespannt. Mit Lukas Podolski tritt der letzte Vertreter der „Goldenen Generation“ aus der Nationalmannschaft zurück, der diese Entwicklung von ihren Anfängen bis zu ihrem finalen Höhepunkt geprägt hat.

LUKAS PODOLSKI
Lukas Podolski wird am 4. Juni 1985 im polnischen Gliwice geboren. Als Zweijähriger kommt er mit seiner Familie nach Deutschland. Dem Sohn einer Handballerin und eines Fußballers ist das sportliche Talent in die Wiege gelegt. Sein erster Fußballverein ist der FC Bergheim 07. Seine große Liebe wird aber der  1. FC Köln, zu dem er im Alter von zehn Jahren wechselt. Als 18-Jähriger debütiert er bei den Profis. Weitere Stationen seiner Laufbahn sind Bayern München (2006 – 2009), der 1. FC Köln (2009 – 2012), Arsenal London (2012 – 2015), Inter Mailand (ausgeliehen 2015) und Galatasaray Istanbul (seit Juli 2015). Podolski ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Text: Knut Hartwig (erschien zuerst im ANSTOSS. Magazin des Deutschen Fußballmuseums)

Fotos: imago

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