Fangesänge: Lieder aus der Kurve

Was haben die Beatles, der kubanische Liedermacher Joseíto Fernández und die Village People gemeinsam? Die Melodien ihrer Songs begleiten Wochenende für Wochenende das Fußballgeschehen in den Stadien und auf den Sportplätzen der Republik.Es gibt unzählige Fangesänge, die sich im deutschen Fußball etabliert haben. Nur selten kreiert der Kurvenchor im Stadion dabei ganz neue Rhythmen und Melodien. Gerne übernehmen die Fans stattdessen südamerikanische Gesänge oder italienische Tonfolgen, meistens jedoch (zer)schmettern sie Melodien der Pop- und Volksmusik – eine Annäherung.

Sucht man nach dem Ursprung deutscher Kurvenlieder, muss man sich, wie so oft im Fußball, ins Mutterland des runden Leders begeben: Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sangen die Zuschauer beim englischen Pokalfinale in Wembley auf den Rängen das Lied „Abide with me“. Aus der Tradition des Hymnensingens vor besonderen Spielen entwickelten sich die ersten richtigen „Chants“, die Anfang der 60er-Jahre aufkamen. Popsongs wie „When the saints go marching in“ wurden rund um die Spiele von  den Fans bei einem gemeinsamen Bier intoniert. Zunächst hatten die Texte dabei nicht zwangsläufig etwas mit Fußball zu tun. Erst allmählich wurde der Inhalt der Lieder an den Sport und an einzelne Spielsituationen angepasst.

Es verwundert nicht, dass eine Vielzahl deutscher Fangesänge bis heute an die Melodien englischer Popsongs dieser Zeit angelehnt ist. Eingängigkeit und Einfachheit lauten die Erfolgsprinzipien eines Stadionliedes, weshalb sich Popsongs besonders gut als Inspirationsquelle anbieten. Die Melodien dürfen musikalisch nicht zu komplex sein. Gerade ein einprägsamer Refrain mit leicht erlernbarem Text ist unerlässlich für einen funktionierenden Stadionsong, der dann auch noch im richtigen Moment angestimmt werden muss. Fangesänge lassen sich daher nur schwer vorherbestimmen oder von außen indoktrinieren, vielmehr entscheiden die Schlachtenbummler selbst, wann, wie und was sie auf der Tribüne singen. Mal kommen die Lieder derbe („Schiri, du Arschloch“), mal martialisch („Kämpfen und siegen“), mal ironisch („Karnevalsverein“) daher. Die Kreativität der Anhänger kennt keine Grenzen, sodass sich selbst ein bitterböser Gesang der gegnerischen Fans einverleibt und kurzerhand für die Unterstützung der eigenen Mannschaft umgetextet werden kann.

Das Deutsche Fußballmuseum widmet den Liedern aus der Kurve am 13. März eine eigene Abendveranstaltung. Im Rahmen des Kulturprogramms ANSTOSS können musikinteressierte Gäste gemeinsam mit Tommy Finke und seiner Band „The Mundorgel Project“ die schönsten, schrägsten und stimmungsvollsten Kurvenhits mitsingen. Grund genug, schon einmal auf den Ursprung und die Variationen einiger Bundesliga-Evergreens zu blicken…

Go West (Village People, 1979)
Der Disco-Song der amerikanischen Band Village People wurde erst mit der Coverversion der Pet Shop Boys richtig populär. In deutschen Stadien nutzten erstmals Schalke-Fans die Melodie, um Ehrengäste im Parkstadion zur gemeinsamen „La-Ola“-Welle zu animieren. Kurioserweise ist die Melodie heutzutage auch bei Anhängern des großen Rivalen aus Dortmund beliebt.

Steht auf, wenn ihr Schalker seid
Olé, jetzt kommt der BVB
Hurra, das ganze Dorf ist da

Guantanamera (Joseíto Fernández, 1928)
Der Ohrwurm von Joseíto Fernández geht auf eine Guajira-Melodie der kubanischen Musik zurück. Heute ist der Song nicht mehr exklusiv unter karibischen Palmen, sondern auch im Schatten von Fördertürmen zu hören: In Stadien des Ruhrgebiets wird die Melodie häufig mit einem selbstironischen Verweis auf den eigenen Ursprung als Zechen- und Arbeiterclub zum Besten gegeben.

Ruhrpott-Kanacken
Nie Deutscher Meister
Ein Rudi Völler

Yellow Submarine (Beatles, 1966)
Als Paul McCartney den Evergreen schrieb, plante er ein Kinderlied zu schaffen. Dass der geringe Tonumfang des Stücks auch von deutschen Fußballfans geliebt werden würde, hatte der Liverpooler so vermutlich nicht im Sinn. Während sich die Anhänger von Mainz 05 mit dem Lied selber auf die Schippe nehmen, hat die Melodie meistens Bezug zum FC Bayern. Der bundesweit beliebte Anti-Bayern-Schlachtruf geht übrigens auf den ehemaligen Stadionsprecher des 1. FC Kaiserslautern, Udo Scholz, zurück.

Zieht den Bayern die Lederhosen aus
Deutscher Meister wird nur der FCB
Wir sind nur ein Karnevalsverein

Oh My Darling, Clementine (Percy Montrose, 1884)
Auch wenn die amerikanische Folk-Ballade bereits im 19. Jahrhundert veröffentlicht wurde, ist sie bis heute nicht aus deutschen Arenen wegzudenken. Während bayerische Fans mit ihr stolz auf die Vereins-Erfolge hinweisen und Stuttgarter Schlachtenbummler das eigene Trikot würdigen, wird sie von Gegnern Arminia Bielefelds gegrölt (übrigens nicht selten in Einklang mit den ostwestfälischen Anhängern).

Von der Elbe bis zur Isar
Ostwestfalen, Idioten
Einen Brustring tragen wir

Text: Achim Winckler

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