Altbundestrainer Sepp Herberger

Sepp Herberger und das geplante Wunder

Der Titelgewinn der Nationalmannschaft bei der WM 1954 ist das einschneidende Ereignis in der deutschen Fußballgeschichte. Er ist der Anstoß nicht nur zu weiteren sportlichen Erfolgen, sondern auch für die Verankerung des Fußballs in der Mitte der Gesellschaft.

Dementsprechend erfährt das „Wunder von Bern“ im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund in einer beeindruckenden Inszenierung eine besondere Würdigung. Einige herausragende Exponate entstammen dabei aus dem Nachlass von Sepp Herberger. Sie bilden das Porträt eines akribischen und zielstrebigen Arbeiters, eines fürsorglichen wie strengen Fußballlehrers und zeigen, wie wenig der „Chef“ das Wunder dem Zufall überlassen hat.

Der Ball, der nach Helmut Rahns berühmten Schuss im Netz des ungarischen Tores einschlug, zieht die Besucher des Deutschen Fußballmuseums gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs in seinen Bann. Dieses 3:2 für die deutsche Nationalmannschaft gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner kam damals so unerwartet und war so ungewöhnlich, dass die Würdigung als sporthistorisches Ereignis nicht ausreichte. Hier musste etwas Übernatürliches geschehen sein. Ein „Wunder von Bern“. Doch sein Schöpfer war nicht etwa eine jenseitige Macht, sondern ein kleiner Mann aus Mannheim, der zeitlebens mit allem beschäftigt war, nur nicht damit, in der Hoffnung auf bessere und erfolgreiche Zeiten auf irgendein Wunder zu warten.

Sepp Herberger war zielstrebig. Früh erkannte er seine Chance, den Fußball für seinen sozialen Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen zu nutzen. Bei den prägenden Spuren, die er als Bundestrainer hinterlassen hat, wird häufig übersehen, dass er auch ein herausragender Fußballer war. Waldhof und der VfR Mannheim zählten in den 1920er Jahren zu den besten und erfolgreichsten Vereinen in Deutschland und buhlten um die Gunst des treffsicheren Stürmers. Herberger ließ sich das Interesse gut bezahlen, was ihm zuweilen Ärger mit den DFB-Statuten einbrachte. Zeitweise sperrte ihn der Verband. Darunter litt auch seine Länderspielkarriere, die mit zwei Toren bei seinem ersten Einsatz gegen Finnland so hoffungsvoll begonnen hatte. Herberger setzte klare Prioritäten. Seine Ehe, die 56 Jahre überdauern sollte, begann mit Verspätung. Zweimal wurde die Hochzeit mit seiner Eva verschoben, weil Spiele anstanden, an denen er unbedingt mitwirken wollte. Die Ringe wurden schließlich doch getauscht. Heute sind sie im Deutschen Fußballmuseum zu sehen und gewähren neben einem gemeinsamen Foto des Ehepaares einen Blick ins Private des „Chefs“.

Die Ringe des Ehepaars Herberger
Die Ringe des Ehepaars Herberger

Als sich für Herberger die Möglichkeit bot, seine Trainer-Ausbildung zu intensivieren, verließ er das vertraute Mannheim und ging nach Berlin. An der dortigen Deutschen Hochschule für Leibesübungen erwies er sich als Musterschüler. Sein Abschlusszeugnis weist ihn als Lehrgangsbesten aus. „Herrn Josef Herberger für die beste Prüfung im Sommer-Semester 1930“ steht auf einer Erinnerungsmedaille. Der damalige Reichstrainer Otto Nerz war sein großer Mentor und Förderer, was Herberger nicht daran hinderte ab 1936, nach den für die Nationalmannschaft enttäuschend verlaufenden Olympischen Spielen in Berlin, mit ihm in  einen Machtkampf einzutreten. Kurz vor der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich übernahm der vorherige Assistent Herberger schließlich die alleinige Verantwortung.

Während des Krieges dienten Länderspiele den Nationalsozialisten auch der propagandistischen Ablenkung. So oft es ging, lud Herberger zu Vorbereitungslehrgängen ein, um auf diese Weise seine Spieler vor Fronteinsätzen zu bewahren. Gleichwohl war Herberger seit 1933 NSDAP-Mitglied. Die im Entnazifizierungsverfahren für ihn zuständige Spruchkammer Weinheim stufte ihn als Mitläufer ein und konstatierte 1947 in einem amtlichen Schreiben an Herberger: „Die Eingruppierung erfolgte in erster Linie durch die zahlreichen vorgelegten Erklärungen von Fußball-Nationalspielern sowie anderen Persönlichkeiten, die darin Ihre antinazistische Einstellung bestätigen.“ Herberger musste 500 Mark Sühnegeld bezahlen.

1950 wurde Herberger wieder offiziell zum Bundestrainer berufen, nachdem er sich in den Jahren zuvor als Dozent an der Sporthochschule Köln um die Trainerausbildung und  die Talentförderung gekümmert und bereits 1949 einen Lehrgang zum Aufbau einer Nationalmannschaft geleitet hatte.

Mit dem ersten Länderspiel nach dem Krieg gegen die Schweiz begann die gezielte Entwicklung eines international konkurrenzfähigen Teams. Herbergers Analyse der Begegnung liest sich wie ein Manifest seiner Trainerphilosophie: „1:0! Ein Sieg der Mannschaft!!! Der Sieg einer Mannschaft, von der die Marschroute für das Spiel klar verstanden wurde, die nach einem einheitlichen Gedanken operierte, in Angriff und Abwehr stets und in allen Situationen e i n e  M a n n s c h a f t  war. … Wissen und Können wurden von einem Willen zum Sieg und zur Hergabe des Letzten zu dieser großartigen Mannschaftsleistung, die, mit Glück, einen höheren Sieg verdient hätte, geführt. Wir waren eine großartige Mannschaft!!!“

Um solche Gedanken festzuhalten, hatte Herberger stets eine Reiseschreibmaschine griffbereit. Der Herberger-Nachlass enthält insgesamt 361 Aktenordner mit Überlegungen zu Spielern, Training und Wettkampf. Mit großer Akribie kümmerte er sich um alle Aspekte, die das Fußballspiel betreffen: Von der konditionellen und strategischen Spielvorbereitung, über die taktische Analyse der gegnerischen Mannschaften und die psychologische Betreuung seiner Auswahlspieler bis hin zu den Detailfragen der sportlichen Ausrüstung, die er in regelmäßigen Korrespondenzen mit adidas-Gründer Adolf Dassler erörterte.

Herberger verlangte viel von seinen Spielern. Toni Turek tadelte er in seinen Notizen mit den Worten: „Er ist nicht in Kondition. Das geht darauf zurück, dass es ihm an Einsicht, Verstand und eben all den Dingen mangelt, die das Letzte ausmachen. Er muss sich mächtig anstrengen, damit er dabei bleibt.“

Herbergers Grundkonzept war so entwaffnend schlicht wie seine Weisheiten, die bis heute die Fußballsprachen beleben. Uwe Seeler, Ehrenspielerführer der deutschen Nationalmannschaft und durch Herberger bereits als 17-Jähriger zu Länderspielehren gekommen, erinnert sich: „Herberger sagte immer zu uns: ‚Männer, wenn ihr das einfache Spiel beherrscht, dann seid ihr Weltklasse. Aber das ist sehr schwer.‘“

Die Besucher des Deutschen Fußballmuseums können bei einem Zitate-Quiz ihr Wissen über die Herberger-Weisheiten testen. Viele junge Gäste verharren an dieser interaktiven Station und können sich davon überzeugen, dass so mancher Spruch von seiner Aktualität nichts eingebüßt hat. Auch Uwe Seeler ist sich sicher: „Wenn man sich Herbergers Philosophie zu Herzen nimmt, dann spielt man auch heute einen erfolgreichen Fußball.“

Damals auf jeden Fall. 1953, ein Jahr vor der Weltmeisterschaft, notierte Herberger während eines Lehrgangs in Malente sein klares Ziel: „Eine Mannschaft von internationaler Extraklasse“ zu formen. Das ist ihm einwandfrei gelungen. Auch mit Toni Turek, bei dem er nach dem Schweiz-Länderspiel 1950 über seine ohnehin schon scharfe Kritik hinaus zu der für einen Torwart fatalen Einschätzung gelangt war: „Er kann sich nicht mehr werfen.“ Im Finale von Bern ist Turek geflogen wie ein Teufelskerl. Auch hier hat Herberger wohl tatsächlich ein Wunder vollbracht.

Text: Knut Hartwig

Titelfoto: imago

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