Vom Lausbub zum Leader – Zum Rücktritt von Bastian Schweinsteiger aus der Nationalmannschaft

Es gibt Menschen, die einen Raum füllen, sobald sie zur Tür hereinkommen, die als Sportler  das Spielfeld betreten und jeder in der Umgebung merkt: Hier verändert sich gerade etwas.

Wimbledon-Sieger Boris Becker versprühte eine solche Aura zu seiner großen aktiven Zeit, Franz Beckenbauer als Kaiser und Lichtgestalt sowieso. Bastian Schweinsteiger ist zweifelsohne auch zu einer Persönlichkeit gereift, auf die das zutrifft. Das war nicht immer so. Auf seinem Weg vom jungen, bengelhaften „Schweini“ zum herausragenden Taktgeber beim FC Bayern München und der Nationalmannschaft durchlief er eine harte Schule. Zugeflogen ist ihm nichts, wohl sein außergewöhnliches Talent, das ihn bereits im Alter von 18 Jahren im edlen Bayern-Ensemble debütieren ließ.

In seiner Anfangszeit saß er in der Kabine neben Oliver Kahn, der zwei Jahre lang kein Wort mit ihm gewechselt und sein Duschhandtuch zur Schuhpflege zweckentfremdet haben soll. Der auf diese Weise in der Tradition der alten Platzhirsche Erzogene gewann dennoch den schweigenden Kabinennachbarn als großen Fürsprecher, weil er sich nicht unterkriegen ließ. Kahn schätzte mannhafte Spielertypen mit Rückgrat. Das musste Schweinsteiger öfter beweisen. Er wurde zuweilen hin- und hergeschoben. Von links nach rechts und wieder zurück. Eine feste Spielposition gab es für ihn lange nicht, aber man hatte ihn immer gerne dabei, weil er dank seiner überragenden Balltechnik und geschickten Zweikampfführung für Überraschendes sorgen konnte.

Nach und nach gelang es ihm, sich zu emanzipieren. Von den Etablierten wie auch von seinem gleichaltrigen Kollegen Lukas Podolski. „Schweini und Poldi“ standen Mitte der 2000er Jahre in der Nationalmannschaft wie auch in drei gemeinsamen Bayern-Spielzeiten quasi als eine Marke für eine neue, freche Spielergeneration. Während Podolski bis heute noch das Lausbubenhafte gerne nach außen kehrt, gewann das Auftreten Schweinsteigers zunehmend an Seriosität und Ernsthaftigkeit. Äußerlich durch Verzicht auf ausgefallene Haarfrisuren in rasch wechselnden Farben, auf dem Platz vor allem durch eine einschneidende Maßnahme im Jahr 2009 des damaligen Bayern-Trainers Louis van Gaal. Er wies Schweinsteiger einen festen Platz in der Spielfeldzentrale zu und brachte damit dessen strategische Fähigkeiten zum Vorschein. Wenig später übernahm er diese dominierende Rolle auch in der Nationalmannschaft.

Verletzungsbedingte Rückschläge und ein entscheidender, verschossener Elfmeter im Champions League Finale 2012 vermochten ihn, den Mann mit Rückgrat, nicht aus der Bahn zu werfen. Seine rekordverdächtige Bilanz: achtmal Deutscher Meister, siebenmal DFB-Pokalsieger, Champions League Sieger 2013, Weltmeister 2014.

Gemeinsam mit seinem Spezi aus der Jugend von Bayern München, Philipp Lahm, hat er eine Dekade geprägt, die eine goldene Generation an hochveranlagten Spielern hervorgebracht hat. Unter ihrer Führung auf Basis einer flachen Hierarchie und unterstützt von dem eher introvertierten, gleichwohl sehr geschätzten und äußert erfolgreichen WM-Rekordtorjäger Miroslav Klose, haben sich Spieler wie Toni Kroos und Thomas Müller bereits in jungen Jahren selbstbewusst und frei entfalten können. Bastian Schweinsteiger gewährte ihnen Räume, auch wenn er sie fast von alleine füllte. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft hinterlässt eine große Lücke.

Text: Knut Hartwig

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