Weltmeister Christoph Kramer: „In der Kurve kann man das Spiel mehr genießen“

Bei der letzten WM hat er einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Kurz vor der Nominierung ist Christoph Kramer für viele überraschend auf den WM-Zug aufgesprungen. Er wurde im Achtelfinale gegen Algerien zum ersten Mal eingesetzt und stand nach der Verletzung von Sami Khedira plötzlich in der Anfangself im WM-Finale. Auch wenn er nach einem Foul des Argentiniers Ezequiel Garay benommen liegen blieb und nach 30 Minuten ausgewechselt werden musste, denkt der Profi von Bayer Leverkusen gerne an den Sommer 2014 in Brasilien zurück. Wir sprachen mit Kramer, der heute seinen 25. Geburtstag feiert, über seinen letzten Museumsbesuch und was Fußball für ihn bedeutet.

Was wünscht sich ein Weltmeister und gestandener Bundesliga-Profi zum Geburtstag?
Kramer: In erster Linie Gesundheit. Ansonsten habe ich keine großen Wünsche. Mittlerweile ist es auch gar nicht mehr so einfach, ein passendes Geschenk für mich zu finden. Materiell gesehen habe ich bereits alles… Wenn ich darüber nachdenke, freue ich mich vor allem über persönliche Dinge. Ein Brief oder eine längere E-Mail bereitet mir viel Freude. Ansonsten hoffe ich auf wenig Veränderung. Mein Leben gefällt mir aktuell sehr gut.

Wann bist du das letzte Mal in einem Museum gewesen?
Gute Frage. Das ist wahrscheinlich schon eine ganze Weile her. Als Solinger Schüler waren wir natürlich im Deutschen Klingenmuseum. Und ich kann mich an einen Besuch im Römisch-Germanischen Museum in Köln erinnern. Mein letzter Besuch war allerdings zu meiner Zeit beim VfL Bochum. Da waren wir im Bergbaumuseum.

Was bringst du mit Museen in Verbindung?
Für mich erfüllen sie vor allem die Aufgabe, Geschichte zu vermitteln. Museen informieren und beschäftigen sich mit Menschen, die großes geleistet haben. Auch wenn das jetzt banal klingt: Aber man würde das Wirken dieser Menschen natürlich nicht ausstellen, wenn es keinen Wert besitzt. Deshalb kann ich mich erinnern, dass ich stets ehrfürchtig durch die Ausstellungen gegangen bin.

Du bist Hauptdarsteller in der zentralen Kino-Show im Deutschen Fußballmuseum: Ist dir eigentlich bewusst, dass du im Sommer 2014 Fußball-Geschichte geschrieben hast?
Nicht so richtig. Natürlich habe ich viele Erinnerungen an die Zeit in Brasilien. Doch die Ereignisse richtig einzuordnen, fällt mir noch immer schwer. Wahrscheinlich werde ich erst nach meiner Karriere richtig begreifen, was wir bei dem Turnier erreicht haben.

Es gibt ein Foto, auf dem du sehr ungläubig in den Nachthimmel von Rio schaust.
Man sagt ja, dass Fotos und Blicke nicht lügen können. Es ist schon richtig, dass ich nach dem Schlusspfiff aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen bin. Auf einmal stehst du da und bist Weltmeister. Das war alles total unwirklich.

Hast du irgendwann realisiert, dass du nun in einer Reihe mit Weltmeistern wie Werner Liebrich, Rainer Bonhof oder Thomas Häßler stehst?
Das ist schon komisch, wenn man mit diesen Legenden in einem Atemzug genannt wird. Da merkt man, dass man etwas Besonderes geleistet hat.

Viele Nationalspieler haben weniger die Spiele selbst vor Augen, sondern vor allem das Drumherum. Wie ist das bei dir?
Ähnlich. Man darf nicht vergessen, dass wir als Mannschaft fast 50 Tage am Stück zusammen waren. Die Erinnerungen an die Zeit im Campo Bahia bleiben für die Ewigkeit. Dort konnte man den Teamgeist förmlich spüren. Dieser Spirit hat uns getragen. Auch wenn sich das jetzt wie ein Klischee anhört.

Es gibt eine Vielzahl von Vereinsmuseen, im Oktober 2015 wurde das Deutsche Fußballmuseum eröffnet: Ist der Fußball mittlerweile reif für das Museum?
Ich denke schon. Wobei man festhalten sollte, dass wir Fußballer sicherlich nicht mehr leisten als Handballer, Basketballer oder Sportler, die Tischtennis spielen. Es ist nur so, dass sich in Deutschland nun einmal sehr viele Menschen für den Fußball interessieren. Er ist in allen Gesellschaftsschichten angekommen und besitzt eine hohe Medienrelevanz. Man kann fast jeden Tag im Fernsehen Fußball verfolgen und auch in anderen Ressorts wird vermehrt über den Fußball und seine Helden berichtet.

Würdest du dich auch für Fußball interessieren, wenn du keinen Profivertrag unterschrieben hättest?
Hundertprozentig. Das ist einfach ein geiler Sport. Ich liebe den Fußball und bin so dankbar, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte.

Kannst du dir die Popularität von Fußball in Deutschland erklären?
Allgemein kann ich das nur schwer bewerten. Aber bei mir war das so, dass man mir das Fußball-Gen vererbt hat. Mein Vater hat viel Fußball geschaut und mich damit infiziert. Und wenn wir uns draußen mit Freunden getroffen haben, dann war eigentlich immer ein Ball dabei. Aus Jacken oder Taschen haben wir Tore gebaut und dann ging es los. Wenn du Hockey oder Volleyball spielst, brauchst du natürlich viel mehr Vorbereitungszeit. Zudem habe ich den Eindruck, dass der Fußball in Deutschland durch die WM 2006 noch einmal einen Schub bekommen hat. Auf einmal haben sich alle für Fußball interessiert.

Bisher bist du noch nicht im Deutschen Fußballmuseum gewesen. Welche Erwartungen hast du an das Haus?
Jetzt fällt mir gerade ein, dass ich vor nicht allzu langer Zeit im adidas-Museum in Herzogenaurach war… So ungefähr stelle ich mir das Fußballmuseum auch vor. Viele Fußballschuhe, Finalbälle, unzählige Bilder, vielleicht auch Filme. Auf jeden Fall wird nicht die Wissensvermittlung im Vordergrund stehen, sondern die Unterhaltung. Ich gehe mal davon aus, und ich hoffe es auch, dass der Fußball anschaulich und interessant präsentiert wird.

Bei einem Fußballspiel kennst du beide Perspektiven: die des Spielers auf dem Rasen und die des Fans in der Kurve. Welche genießt du mehr?
Natürlich die des Spielers. Dann habe ich den Ball am Fuß und kann das Spiel beeinflussen. Aber auch die Perspektive aus der Kurve hat etwas für sich. Dort kann man das Spiel viel mehr genießen. Man trifft Freunde, trinkt vielleicht ein Bier und schaut zusammen Fußball. Das Gemeinschaftsgefühl steht in der Kurve im Vordergrund. Ich mag beide Rollen.

Ein Leben ohne Fußball ist für dich nicht vorstellbar?
Niemals. Ich werde immer kicken. Vielleicht werde ich später nicht mehr sieben Tage die Woche dem Ball nachjagen, aber ganz ohne geht nicht.

Und wann gibt es die Premiere im Deutschen Fußballmuseum?
Ich komme auf jeden Fall bald vorbei, das ist doch klar!

Das Interview führte Christian aus dem Presseteam

FacebookTwitterGoogle+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare und Anregungen? Immer her damit!