Nürnberg-Fans erinnern an das Zitat von Torwartlegende Heiner Stuhlfauth Copyright: imago

„Gott selbst stand im Tor“ – Erinnerungen an Heinrich Stuhlfauth

Neben Max Morlock und Hans Kalb gehört er zu den größten Legenden des 1. FC Nürnberg. Mit Heiner Stuhlfauth im Tor gewann der Club fünf Deutsche Meisterschaften in den 1920er Jahren.

Der gebürtige Nürnberger bestritt 606 Pflichtspiele für den FCN und trug 21 Mal das Trikot mit dem Adler auf der Brust. Anlässlich des heutigen Geburtstags – am 11. Januar wäre Stuhlfauth 120 Jahre alt geworden – haben wir mit Kicker-Redakteur und FCN-Experte Harald Kaiser über den Schlussmann gesprochen, der damals zu den besten der Welt gehörte.

Ist es richtig, dass Heinrich Stuhlfauth als Stürmer und Mittelfeldspieler angefangen hatte und erst kurz vor seiner Senioren-Zeit zum ersten Mal im Tor stand?
Harald Kaiser: Stuhlfauth hat auf jeden Fall beim FC Franken als Halblinker im Mittelfeld angefangen. Weil er mit einer Länge von 1,84 m zu den größten Spielern gehörte, hat man ihn nach dem Ausfall des Stammkeepers ins Tor gestellt.

Hatte das Auswirkungen auf sein Torwartspiel?
Nach den Texten, die ich im Kicker-Archiv gelesen habe und Gesprächen mit Zeitzeugen hat er seine Torwartrolle schon recht revolutionär interpretiert. Damals haben die Schlussmänner den eigenen Kasten kaum verlassen. Stuhlfauth hingegen hat viele Ausflüge ins Feld unternommen – und laut eigener Aussage waren die zu 95 Prozent erfolgreich. Er hat gerne mit dem Fuß geklärt. Oder aber auch mit dem Kopf – dafür hat er dann seine legendäre Schiebermütze mal abgenommen.

Klingt nach Manuel Neuer im WM-Achtelfinale gegen Algerien – abgesehen von der Mütze. Kann man die Stile der beiden Schlussmänner vergleichen?
Das ist schwer. Heutzutage ist das Spiel viel schneller und dynamischer. Zudem ist Manuel Neuer bei der WM in vielen Spielern ein unglaubliches hohes Risiko eingegangen. Wenn er dort nur einen Bruchteil einer Sekunde später dran gewesen wäre, hätte das ein Platzverweis nach sich gezogen. So viel Risiko ist Stuhlfauth nicht eingegangen. Im Zweifelsfall hätte er wohl zurückgezogen. Das konnte er sich nicht zuletzt deshalb erlauben, weil bei seinen Ausflügen meist ein Nürnberger Verteidiger auf die Linie zurückgeeilt ist, um für seinen Torwart falls nötig zu retten. Grundsätzlich kann man aber schon sagen, dass er mehr am Spiel teilnahm als seine Torhüterkollegen zu der Zeit.

Nach einem 2:1 Sieg der Deutschen gegen die Squadra Azzurra im April 1929 in Turin schrieb eine italienische Zeitung: „Gott selbst stand im Tor!“ Er habe mit sensationellen Paraden und Reflexen den Erfolg gesichert.
Er hatte nicht nur seine Stärken mit dem Fuß, er hatte nahezu eine „prophetische Gabe“, wie es Kicker-Gründer Walter Bensemann einst ausdrückte, die Bälle magisch anzuziehen. Er ahnte, wohin der Ball fliegen würde und war so rechtzeitig zur Stelle. Er soll oft gesagt haben: „Ein guter Torwart wirft sich nicht.“ Auf der anderen Seite habe ich an einigen Stelle gelesen, dass das Abtauchen zur rechten Seite seine Schwäche war. Und auch wenn er durch seine Ausflüge das eine oder andere Tor verschuldet hat, gehörte er neben dem Spanier Ricardo Zamora in den 20er Jahren zu den besten Torhütern der Welt.

Stuhlfauth ist Ehrenspielführer des 1. FC Nürnbergs: Der Club hat auch einen Block im Stadion nach ihm benannt. Eine Straße in Nürnberg trägt seinen Namen und er wurde 2010 von den Fans des FCN zum zweibesten Torwart hinter Andreas Köpfe gewählt. Über 75 Jahre nach seinem Letzten Spiel für den Club. Wie ist die Popularität zu erklären?
Neben Hans Kalb steht er wie kein Zweiter für die erfolgreichste Zeit des Clubs. Er stand in allen fünf siegreichen DM-Endspielen im Tor und hat keinen einzigen Gegentreffer kassiert. Trotz des Pokalsiegs von 2007 hat der Club nach dem Abstieg 1969 an die Erfolge der Vergangenheit nicht mehr anknüpfen können. Da erinnert man sich gerne an die historischen Siege und deren Protagonisten.

Nicht nur durch seine Leistungen hat Stuhlfauth den Verein geprägt, sondern auch durch folgenden Ausspruch: „Es ist eine Ehre, für diese Stadt, diesen Verein und die Bewohner Nürnbergs zu spielen. Möge all dies immer bewahrt werden und der großartige FC Nürnberg niemals untergehen.“ Ist dieses Zitat, was bei jedem Heimspiel des FCN im Stadion zu sehen ist, wirklich von ihm?
Es wird ihm zumindest schon immer zugeschrieben. Vielleicht ist auch ein bisschen Legendenbildung dabei, aber der Spruch passte auf jeden Fall zu seiner Persönlichkeit.

Mit 70 Jahren erlag Stuhlfauth im Herbst 1966 einem Herzleiden. Was war er für ein Mensch?
Mit seinen 1,84 m war er ein stattlicher Mann, der sich auf dem Platz auch gerne mal mit Gegenspielern angelegt hat. Wurde er angegangen, kam das einer Majestätsbeleidigung gleich. Heute würde man sagen, er war ein Typ mit einer Meinung, die er auch couragiert vertreten hat. Und das kam gut an. Er war später Mitglied des Ältestenrates des 1. FC Nürnbergs an und war wahrscheinlich vorher der erste Nürnberger mit einem eigenen Werbevertrag. Der Motorrad-Hersteller Victoria warb mit dem beliebten Fußballer, später dann auch BMW. Zudem führte er nach seiner aktiven Karriere als Wirt die Sebaldusklause und machte aus ihr ein gut gehendes Restaurant. Er hat sich gerne mit den Gästen unterhalten und war sehr präsent in der Stadt.

Das Interview führte Christian aus dem Presseteam.

Fotos: Imago

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