Der Trikotgeschichten-Sammler

Warum sammeln Fans und Fußballer Trikots? Lars Lorenz will das genau wissen – und nicht nur das. Auf seinem Blog mit dem vielsagenden Titel vergissmeintrikot.net greift der Fußballfan zahlreiche Aspekte rund um das Thema „Fußballtrikots“ auf.

Obwohl er seinen Blog erst seit dem Sommer schreibt, hat Lars schon mit einigen namhaften ehemaligen Bundesligaprofis darüber gesprochen, welche Trikots sie im Verlauf ihrer Karriere gesammelt haben und welche Geschichten und Emotionen daran hängen. Guido Buchwald, Claus Reitmaier, Juri Schlünz, Martin Groth, Carsten Linke, Andreas Buck, Darius Scholtysik, Siggi Reich: Sie alle hat Lars schon interviewt. Aber nicht nur die Ex-Profis, sondern auch die ganz „normalen“ Trikotsammler und ihre Schätzchen wecken sein Interesse. Das wiederum hat uns neugierig gemacht. Grund genug, ihm ein paar Fragen zu stellen.

Lars, wie bist du auf die Idee gekommen, Fans und Fußballer nach ihren Trikotsammlungen zu fragen?
Auslöser war ein Interview mit Michael Tarnat, der über 300 Trikots aus seiner aktiven Zeit aufbewahrt. Darunter sind getauschte Trikots von Slaven Bilic, Cafu oder Oliver Neuville. Mich interessierte seine Motivation zu tauschen, welche Erinnerungen er an die Spiele hat und welche Trikots er niemals verschenken würde. Irgendwann – je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte – dachte ich: Da stecken so viele Geschichten drin, darüber schreibst du jetzt!

Was rührt dich mehr: Der Fan, der über 360 Trikots seines Vereins gesammelt hat – oder der Ex-Profi, der in einem besonderen Spiel seiner Profikarriere ein Trikot getauscht hat?
Mich rührt vor allem die Geschichte hinter dem Trikot. Und davon gibt es viele. Andreas Buck besitzt noch heute das getauschte Trikot aus dem Champions League-Spiel zwischen Leeds United gegen den VfB Stuttgart im September 1992. Der VfB stand schon mit einem Bein in der nächsten Runde, bis der damalige Trainer Christoph Daum den vierten Ausländer einwechselte. Es kam zum Entscheidungsspiel in Barcelona, das die Stuttgarter dann verloren.

Siggi Reich hingegen bewahrt heute nur noch ein Trikot auf – das aus seiner ersten Bundesligasaison 1981/82 bei Borussia Mönchengladbach. Seine Mitspieler wie Lothar Matthäus und Frank Mill oder auch Trainer Jupp Heynckes haben darauf unterschrieben.

Bei den Geschichten der Sammler gibt es einen noch breiteren Fundus an Trikots. Ob das Bochum-Trikot, dessen Ärmel auf dem Weg ins Krankenhaus abgeschnitten werden musste, weil sich der Spieler den Arm gebrochen hatte oder das legendäre Trikot vom Österreicher Herbert Prohaska aus dem Spiel gegen Deutschland bei der WM 1978. Es gibt immer neue, interessante und erzählenswerte Geschichten.

Hast du eine Lieblingsanekdote, die du im Laufe deiner Recherche für den Blog erfahren hast?
Wie schon beschrieben: Fast zu jedem Trikot gibt es eine tolle Geschichte. In besonderer Erinnerung geblieben ist mir die von Juri Schlünz, einst Spieler und Trainer bei Hansa Rostock, heute Leiter der Nachwuchsakademie. In der Saison 1990/91 erzielte er im Spiel gegen den Erzrivalen Dynamo Dresden zwei Tore. Hansa gewann mit 3:1 und sicherte sich dadurch vorzeitig die für den Verein existenzielle Bundesligaqualifikation.
Zwanzig Jahre später, anlässlich eines Hansa-Legendenspieles im Jahr 2011, erhielt er sein Trikot, das er unmittelbar nach dem Spiel in die Zuschauermenge geworfen hatte, von jenem Fan zurück, der es einst auffing. Wenn ich richtig informiert bin, wird es bald bei Hansa ausgestellt.

Was hältst du von Profis, die schon in der Halbzeit ihre Trikots tauschen? Wir erinnern uns, dass die Profis von Bayer Leverkusen vor drei Jahren stark in der Kritik standen, als sie in der Champions League vermeintlich heißer auf Messis Trikot als auf einen Sieg waren…
Für eine neue Blog-Geschichte sind solche Aktionen natürlich unheimlich förderlich! Persönlich sehe ich es zweigeteilt: Einerseits brachte das Trikot einen Erlös über 12.000 €, der hilfsbedürftigen Menschen zu Gute kam. Andererseits ist der Trikottausch auch ein Symbol der Fairness. Als Durchbruch gilt der Trikottausch zwischen Pelé und Bobby Moore bei der WM 1970. Dieser Fairnessgedanke sollte weiter im Vordergrund stehen. Unterm Strich finde ich, dass ein Trikottausch nur nach dem Spiel stattfinden sollte.

Wie kommst du an die Kontakte für die Interviews mit Ex-Profis?
Durch ein gutes Netzwerk.

Welchen Ex-Profi willst du unbedingt noch zu welchem Trikot interviewen?
Ronald Koeman vielleicht. Ich wüsste zu gern, wo sich das Trikot von Olaf Thon befindet, mit dem er sich nach dem EM-Halbfinalspiel 1988 medienwirksam den Hintern abwischte. Spontan fallen mir noch etliche Spieler ein. Michael Tarnat zählt natürlich dazu, die WM-Helden von 1990 ebenso und insbesondere aus dem Rampenlicht verschwundene Ex-Profis.

In deiner Rubrik „Tradition trifft Design“ beschäftigst du dich auch mit der Trikot-Mode. Was hältst du von Wiesn-Jerseys und Karnevals-Trikots?
Wenngleich der Absatz im Vordergrund stehen mag, finde ich die Idee klasse. Das Trikot ist ein Identifikationsmerkmal. Es mit traditionellen und typischen Merkmalen der Stadt oder dem Verein zu besetzen, ist doch immer wieder eine willkommene Abwechslung. Über das Design lässt sich natürlich immer streiten.

Wenn du dir selbst ein in deinen Augen perfektes Trikot „backen“ könntest – wie würde es aussehen? Wäre Werbung darauf? Welche Elemente dürften auf gar keinen Fall fehlen?
Zunächst mal mag ich den schlichten Retrolook. Ein Sponsor wäre auf jeden Fall zu sehen. Und zwar einer, der mit der Stadt, dem Verein in Verbindung steht und dessen Farben idealerweise auch zu den Vereinsfarben passen. Werder Bremen beispielweise würde Becks gut stehen. Dazu ein Rundausschnitt, ohne Nadelstreifen. Meine Lieblingsnummer: die 7. Sie erinnert an die großen Edeltechniker wie Luis Figo oder Mehmet Scholl.

Ist so ein Trikot heute noch ein besonderes Stück Stoff, in dem Emotionen stecken – oder als Merchandising-Artikel nur noch reine Gelddruck-Maschine für Vereine? Als David Beckham zu Real Madrid wechselte, hieß es, allein durch die Trikotverkäufe sei seine Ablösesumme praktisch refinanziert.
Es hängt ganz davon ab, aus welchem Blickwinkel man das Trikot betrachtet. Ob als Verein, Ausrüster, Designer, Sponsor, Trikotrahmenanbieter, Fan… Letzteres trifft auf mich zu, insofern stehen die Emotionen für mich klar im Vordergrund. Allein beim Anblick des 90er WM-Trikots von Guido Buchwald, das bei euch im Fußballmuseum ausgestellt ist, werden Erinnerungen wach.

Sammelst du selbst Trikots?
Nein, lediglich aus meiner aktiven Zeit besitze ich noch zwei oder drei, die irgendwo auf dem Dachboden verstaut liegen. Ich muss dazu sagen, dass ich selber auch gar keinen richtigen Lieblingsverein habe. Ich bin ganz einfach Fußballfan. Mit einem Faible für die Vereine aus meiner Region. Als Lokalpatriot freue ich mich, wenn Wolfsburg, Hannover 96 und Braunschweig jeweils auf ihre Weise Erfolg haben.
Als Autor von vergissmeintrikot.net ist es auch gar nicht so schlecht, keine Vereinsbrille aufzuhaben. Wobei: Ich besitze ein Trikot, das ich nicht wieder abgeben würde: ein Werder Bremen-Trikot aus der Saison 1992/93. Damit verbinde ich einfach meine eigene Geschichte.

Du hast selber lange Fußball von der Kreisklasse bis zur Landesliga gespielt. In diesem Bereich kommen Trikottauschs eher selten vor – oder?
Vermutlich hätte ich für den Rest der Saison nur noch Platzrunden drehen dürfen (lacht). Nein, das war nie ein Thema.

Du hast auch Guido Buchwald interviewt, dessen Trikot im Deutschen Fußballmuseum zu sehen ist. Hast du denn selbst vor, bald mal nach Dortmund zu kommen?
Auf jeden Fall, ich möchte es mit einem Heimspiel der Borussia verbinden. Gerade ist klar geworden, dass es Mitte Februar klappen wird, wenn der BVB sein Heimspiel gegen Hannover 96 hat.

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen dir schon jetzt eine gute Reise ins Ruhrgebiet!

Übrigens: Lars, der hauptberuflich bei der HDI im Marketing und Vertrieb tätig ist, hat noch viel vor. Sein Blog soll weiter wachsen. In der neuen Kategorie Tipps & Trends greift er Sammlerthemen wie Fälschungen auf. Auch die richtige Trikotrahmung wird bald Thema sein. Das Trikot steht bei ihm also immer im Mittelpunkt – beleuchtet aus allen denkbaren Blickwinkeln. Wir freuen uns schon auf neue Beiträge des Trikotgeschichten-Sammlers.

Seid ihr neugierig geworden? Dann schaut doch auch mal auf der Facebookseite von vergissmeintrikot.net vorbei.

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