Jörg Dahlmann kommentierte einen außergewöhnlichen Treffer copyright by firo sportphoto

Dahlmann zum Okocha-Tor: Alles auf eine Karte gesetzt

Es zählt zu den spektakulärsten Toren der über 50-jährigen Bundesliga-Geschichte. Jay-Jay Okocha schlug am 31. August 1993 beim Bundesliga-Spiel von Eintracht Frankfurt gegen den Karlsruher SC in der 87. Minute fünf Haken im gegnerischen Strafraum, ehe er KSC-Torwart Oliver Kahn mit einem gezielten Schuss zum 3:1-Endstand überwand. Das Tor wurde von den Zuschauern der ARD-Sportschau erst zum Tor des Monats und anschließend zum Tor des Jahres gewählt. Seine Popularität verdankt der Treffer aber auch dem legendären Kommentar von Jörg Dahlmann. Wir haben uns mit dem heute 56-Jährigen über den Treffer unterhalten, der im Deutschen Fußballmuseum als „Magischer Moment“ zu erleben sein wird.

„Liebe Zuschauer! Die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal. Sollen sie mich rausschmeißen. Ich zeig‘ Ihnen die Szene bis zum Umfallen!“ Herr Dahlmann, wäre Ihre Karriere bei Sat. 1 nach dem Bericht fast zu Ende gewesen?
Jörg Dahlmann: Nein, Ärger gab es anschließend nicht (lacht). Aber in der Situation herrschte schon viel Hektik. Und es war nicht ganz absehbar, was nachträglich passieren würde.

Wodurch war die Hektik entstanden?
Dahlmann: Erst einmal waren wir alle fassungslos ob des Tores. Als ich den Treffer live im Stadion gesehen habe, konnte ich genau wie die Zuschauer kaum glauben, was da gerade passiert war. Die Fans sind richtig durchgedreht. Das war Ekstase pur.

Das Spiel fand an einem Dienstagabend statt. Sie hatten wahrscheinlich nicht viel Zeit zwischen Abpfiff und dem Beginn des Beitrags. Haben Sie sich vorher überlegt, was Sie sagen werden, wenn das Tor gezeigt wird?
Dahlmann: Dazu hatte ich überhaupt keine Zeit. Vielmehr haben wir uns gefragt, wie wir dem Tor gerecht werden können. Direkt im Anschluss an „ran“ lief „Spiegel TV“. Ein Sendung, die für Sat.1 damals sehr wichtig war. Wir durften also eigentlich nicht überziehen. „Spiegel TV“ musste pünktlich beginnen. Heutzutage könnte man bei der digitalen Schnitttechnik einfach Spielszenen, die vor dem Okocha-Tor passiert sind, rausschmeißen, doch damals haben wir noch analog gearbeitet. 90 Prozent des Berichtes standen also schon, und wir konnten das Tor lediglich hinten dranhängen. Da habe ich mir gedacht: Setz alles auf eine Karte und verlängere einfach den Beitrag. Als ich den Leiter der Sendung Ali Schmitt-Fleckenstein mit der Idee konfrontiert habe, herrschte erst einmal Stille in der Leitung. Dann kam aus Hamburg: „Ok, wir machen´s!“

Hätte es denn richtig ungemütlich für Sie werden können?
Dahlmann: Das ist schwer zu sagen. Wir konnten uns damals jedoch auf Reinhold Beckmann als Sportchef verlassen. Er hat wie eine Eins hinter uns jüngeren Kollegen wie Thomas Herrmann, Markus Höhner oder mir gestanden. Sein Credo war stets: „Kommt. Macht. Hinterher können wir uns entschuldigen.“

Narrenfreiheit also?
Dahlmann: Nicht ganz. Die Fakten mussten natürlich stimmen. Und beleidigend durfte es auch nicht sein. Aber darüber hinaus konnten wir uns frei entfalten.

Dabei kamen Ihnen sicherlich die Veränderungen in der Berichterstattung über die Bundesliga zugute. 1988 übertrug mit RTL zum ersten Mal ein Privatsender die Beletage des deutschen Fußballs. 1992 wurde dann „ran“ von Sat.1 ausgestrahlt. Sätze wie „Stellen Sie den Ton des Fernsehers lauter! Kommen Sie nah an den Monitor heran und genießen Sie!“ wären wahrscheinlich nie aus dem Mund von Ernst Huberty oder Rudi Michel gekommen.
Dahlmann: Das ist richtig. Ich bin der Meinung, dass Spielberichte vor allem unterhalten sollen. Natürlich informieren sie auch, aber Fußball hat in erster Linie die Aufgabe, zu unterhalten. Er soll Spaß machen. Wegbereiter der boulevardesken Fußball-Berichterstattung waren sicherlich Uli Potofski und Burkhard Weber. Und Reinhold Beckmann hat diese Entwicklung mit „ran“ professionalisiert und perfektioniert.

Der Treffer von Okocha wird als „Magischer Moment“ bei uns im Deutschen Fußballmuseum erlebbar. War Ihnen damals schon klar, dass Sie im Frankfurter Waldstadion Fußballgeschichte erlebt haben?
Dahlmann: Der Treffen von Jay-Jay war schon außergewöhnlich. Aber wäre er so besonders rübergekommen, wenn er in den 80er Jahren gefallen wäre? Das möchte ich bezweifeln. Der Kommentar und die Bilder, also wie man das Tor im Fernsehen präsentiert, haben sicherlich ihren Beitrag geleistet. Früher hat man Fußball mehr in der Totalen gezeigt. Und bei Toren gab es eine Zeitlupe, die mit einem „R“ auf dem Bildschirm gekennzeichnet und recht weit weg vom Geschehen war. Heute werden dichte Bilder bevorzugt. Denn erst in der Nahaufnahme kann man die Emotionen erkennen. Wobei das Plädoyer nicht den Tanz von Okocha schmälern soll.

Gehört Fußball ins Museum?
Dahlmann: Mittlerweile ja. Sport und vor allem der Fußball sind Bestandteile unserer Alltagskultur. Man spricht über Fußball, man richtet sein Freizeitverhalten nach dem Fußball aus, viele leben im wahrsten Sinne des Wortes Fußball. Und als so wesentlicher Teil der Gesellschaft gehört der Fußball auch ins Museum. Ich habe schon einige Vereinsmuseen gesehen, bin von den meisten Häusern begeistert und freue mich riesig aufs Deutsche Fußballmuseum.

Lars Ricken hat uns vor ein paar Tagen den rechten Schuh überreicht, mit dem er im Champions-League-Finale 1997 das 3:1 erzielt hat. Er erzählte uns, dass er noch heute oft mit dem Tor konfrontiert wird und manchmal den Eindruck hat, auf diesen einen Treffer reduziert zu werden. Geht es Ihnen mit dieser Reportage ähnlich?
Dahlmann: Ein bisschen schon. Ich habe unzählige Spiele übertragen, Reportagen und andere Berichte produziert, doch die drei journalistischen Beiträge, auf die ich meistens angesprochen werde, sind das Okocha-Tor, das 7:0 vom KSC gegen Valencia und der Wechselfehler von Otto Rehhagel 1998 in Kaiserslautern. Es gibt jedoch härtere Schicksale. Ich kann gut damit leben (lacht).

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